Qntal - Purpurea - The best of

Qntal- Purpurea - The best of

E-Wave / Drakkar / Sony BMG
VÖ: 31.10.2008

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Jurassic Park

Als sich Ernst Horn, Soundmensch von Deine Lakaien, Anfang der Neunziger Michael Popp von der Mittelalter-Band Estampie für die Bühne ausborgte, brachte der gleich eine ganze Kutsche voll altertümlichem Instrumentarium mit ins Spiel. Dass passte so gut zu dem verwunschenen Darkwave von Deine Lakaien, dass sich Horn sogar vorstellen konnte, die mittelalterlichen Einflüsse in den Mittelpunkt zu rücken. Drehleier, Laute und Fiedel waren es ihm wert. Die dunkle Elektronik, mit der seine eigentliche Band langsam ihre Popularität ausbaute, wollte er dafür aber nicht aufgeben. Und als dann Sigrid "Syrah" Hausen der Name Qntal im Traum einfiel, konnte es losgehen mit einem unerhörten Projekt.

1992 erschien das faszinierende Debüt "Qntal", auf dem Horns Schaltkreis-Abstraktionen sich an ungewohnte Harmonien und ausgestorbene Sprachen schmiegten. Modern unterfütterte Weisen wie Walther von der Vogelweides "Unter der Linden" waren unerwartete Soundtracks für das Studium mittelhochdeutscher Texte, und die lebensmüde EBM von "Ad mortem festinamus" erreichte dank Zillo sogar ein paar Clubs. Auch der Zweitling "Qntal II" mit dem seit tausend Jahren aktuellen "Palästinalied", dem John Bonhams "When the levee breaks"-Beat prächtig stand, hinterließ verträumte Blicke und beflügelte Fantasien. Als sich Horn und Popp dann nicht mehr einigen konnten, ob Popp bei Deine Lakaien mehr sein könnte als bloßer Erfüllungsgehilfe, machte Horn mit Helium Vola seinen eigenen Krämerladen auf und bei Qntal war erst mal Schicht.

2003 wurde Qntal dann nach acht Jahren Dornröschenschlaf wiederbelebt. Seitdem ist Phillip Groth für die ausschweifenden Klanginstallationen verantwortlich, und mit "Qntal III: Tristan und Isolde" wurde das Projekt eine echte Band. Popps Basteleien sorgen für schmucke Texturen, und Hausens faszinierende Stimme steht weiterhin im Fokus. Groth liefert dazu manchmal recht breitwandig gedachte Elektronikflächen, die auch schon mal Hollywood-Kitsch à Hans Zimmer erinnern oder Enya mit Enigma kreuzen. Bei dergestalt ritterlicher Thematik darf prononcierte Ernsthaftigkeit aber durchaus sein.

"Purpurea - The best of" versammelt nun auf zwei Silberlingen ausgewählte Höhepunkte aus sechs Alben, von denen die meisten seit der Wiederbelebung 2003 entstanden. Im Vergleich zu den drei frühen Tracks zeigt sich, dass sich die Tiefe seit Horns Abgang reduziert hat, aber auch Groth bekommt schöne Soundscapes hin. Etwas mehr Spannung bietet sogar die zweite CD mit diversen Remixen und Raritäten. Dort werden der Musik von Spätmittelalter und Prä-Renaissance wieder mehr Ecken gegönnt. Die clubgerichtete Stromlinie von "Veni", "Ecce gratum" oder "Glacies" kontrastiert die gesangliche Schwere. Das darkwavige "Ludus", das Tänzeln von "Rot" und die traurige Minne von "Unmaere" sind angenehm jenseits von der Höhe der Zeit.

Obwohl das alles oft sehr annehmbar und teilweise sogar großartig klingt, ist da aber zusätzlich ein schwerwiegender Verdacht: Ohne Qntal wären deutschen Ohren möglicherweise Wagenladungen von Minnesängern, Mittelalter-Rockern und sonstigen Schalmeienspielern erspart geblieben. Für viele war der Pioniergeist der ersten beiden Qntal-Alben der Erstkontakt mit der Mediävistik. So steht es bei vielen ehrfürchtigen Verneigungen im Booklet von "Purpurea - The best of". Einen Vorwurf sollte man Qntal aus der Anstiftung von Letzte Instanz, Haggard, Schandmaul, Subway To Sally und anderen der Subtilität unverdächtigen Hofnarren jedoch nicht machen.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Palästinalied
  • Ad mortem festinamus
  • Unter der Linden

Tracklist

  • CD 1
    1. All for one
    2. Sumer
    3. Palästinalied
    4. Ad mortem festinamus
    5. Flamma
    6. Am morgen fruo
    7. Altas undaz
    8. Cupido
    9. Departir
    10. Von den Elben
    11. Entre moi et mon amin
    12. Levis
    13. Unter der Linden
  • CD 2
    1. 292 (A darker shape mix)
    2. Lasse, grand doucor
    3. La froidor (Version noir)
    4. Glacies (Candidus mix)
    5. Veni (Filthy floor mix)
    6. Rose in the mor
    7. Noit et dia (Obscurus mix)
    8. Unmaere
    9. Rot
    10. Ecce gratum (Novus mix)
    11. Ludus
    12. Levis (Half light mix)
    13. Slathe wille (Version bleu)

Gesamtspielzeit: 144:37 min.

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