The Killers - Day & age

The Killers- Day & age

Island / Universal
VÖ: 21.11.2008

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Die Gretchenfrage

Gut, es gab ein paar ernst zu nehmende Gründe für die Killers, mit Produzent Stuart Price zu arbeiten. Dieser hatte unlängst Madonna zur House-Disco von "Confessions on a dancefloor" getrieben, hatte für Missy Elliott die Regler unter seine Fittiche genommen und ist zudem der Kopf der Band Zoot Woman, die sich im musikalischen Lieblingszeitalter der Killers überbordend austoben: Wie kein anderer Mensch auf diesem Planeten stülpt Price über alles, was ihm in die Quere kommt, den ranzigen Sound der Achtziger. Ein Mann also, der die Killers mal richtig bei den Synthesizern packen konnte.

Der Vorbote "Human" gefiel sich noch in dieser Rolle. Schlager-Keyboards, Großraumdisco-Beats und anbiedernder Basssound wussten zwar zunächst zu irritieren, gaben mit der anschmiegsamen Hookline des Refrains aber eine überraschend tolle Figur ab. Die Gretchenfrage "Are we human / Or are we dancer?" mutete kritisch an, und der Sound verband ernstzunehmende Hoffnungen mit einer neuen musikalischen Ausrichtung im Indie-Rock-Bereich. Bowie sollte zitiert werden, mit New-Order-Verweisen durfte man rechnen und vielleicht sogar mit der ein oder anderen Alphaville-Hommage. Mit einem Schreckensszenario wie "Day & age" jedoch nicht.

Der furchtbarste musikalische Augenblick des Jahres lauert im Schubidu-Funk von "Joy ride": Längst als ausgestorben verzeichnete Steeldrums gesellen sich zum ekelhaftesten Saxofon-Sound, den sich seit dem Mauerfall niemand mehr traute, auf Band zu pressen. Der Bass slappt auf die schmierigste Art, die Gitarre mahnt an ein Brechmittel und man kann sich kaum vorstellen, dass ein Sänger jemals widerlichere Geräusche von sich gegeben hat, als Flowers in den hanebüchenen Anfangssekunden dieses grauenvollen Songs. Die Killers haben gewaltig an ihrem Sound gedreht und es hört sich verdammt mies an.

Was wurde aus der Band, welche verheißungsvolle Großtaten wie "Tranquilize" komponierte, die mit "Sam's town" ein beachtliches Konzeptalbum anfertigte, die ein unsagbar gutes Debüt-Album vorlegte? Alles vergessen, während man sich von der Gegenwart und "This is your life" erholen muss. Von einem Song, der Löwen-König Mufasa vor das geistige Auge zurückholt, wie er gerade seinem Sohn Simba das gelobte Land präsentiert und Affe Rafiki beäugt, der mit seinem Stock wirre Zeichnungen in den Sand kritzelt und Elton John im eigenen Schmalz ertrinkt. Es ist kaum mit anzuhören.

Und so nimmt dieses Album seinen Lauf. Man vernimmt einige wenige Sequenzen, die man sich unter Umständen auch ohne Waffengewalt nochmals anhören würde. Den Roy-Black-Gedächtnis-Refrain von "I can't stay" will man trotzdem nicht zu lange ertragen, und nach zehn Songs, die so zugekleistert sind, dass sie oft kaum mehr als solche zu erkennen sind, sackt man irgendwann erschöpft und gequält zusammen. Der Schmonz der Achtziger, der sich bisher federleicht durch das Œuvre der Killers zog, wird hier zur Karikatur verzerrt und verwandelt sich zu billigsten Effekten und Soundschmierereien in eine Schlagerparty. Es bleibt nur zu hoffen, dass es sich hierbei um eine Satire auf den Pop des vorletzten Jahrzehnts handelt, um einen Witz in Albumform. Denn wenn tatsächlich ein derartiges Achtziger-Revival ins Haus stehen sollte, dann gnade uns Gott.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Human

Tracklist

  1. Losing touch
  2. Human
  3. Spaceman
  4. Joy ride
  5. A dustland fairytale
  6. This is your life
  7. I can't stay
  8. Neon tiger
  9. The world we live in
  10. Goodnight, travel well

Gesamtspielzeit: 41:49 min.

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MopedTobias

Postings: 8215

Registriert seit 10.09.2013

2016-07-03 20:51:42 Uhr
Deutlich schlechter als die Vorgänger ist das hier schon, nur halt keine Vollkatastrophe auf Revolverheld-Niveau oder so :p

Croefield

Postings: 206

Registriert seit 13.01.2014

2016-07-03 20:33:43 Uhr
Immerhin live ganz unterhaltsam. Aber das war damals schon 'n sehr merkwürdiges Album.. Kann mir kaum vorstellen, dass das jemand wirklich richtig fantastisch findet.
Günni
2016-07-03 20:17:14 Uhr
Ich find das Album jetzt auch nicht schlechter als die Vorgänger.
Die Killers hatten von Anfang an einen starken Hang zu Kitsch und Pathos, aber bis einschließlich diesem Album haben sie den zumindest ganz unterhaltsam verpackt.

MopedTobias

Postings: 8215

Registriert seit 10.09.2013

2016-07-03 19:41:19 Uhr
Konnte die 3/10 hier nie wirklich nachvollziehen. Der Mittelteil von Joy Ride bis Neon Tiger ist gruselig, die ersten drei und die letzten beiden Songs gehen aber klar. Losing Touch ist sogar ziemlich gut.

XTRMNTR

Postings: 318

Registriert seit 08.02.2015

2016-07-03 16:29:36 Uhr
Bis heute mein Lieblings Review auf der Seite.
Und ja, das Album ist ein Brechmittel.
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