Amos Lee - Last days at the lodge

Amos Lee- Last days at the lodge

Blue Note / EMI
VÖ: 31.10.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Jazz ist anders

Mal ehrlich: Liebhaber der Jazzmusik müssen bisweilen unter mehr als bloßen Vorurteilen leiden. Vom geschätzten geistigen Alter jenseits der 50 bis zum Soziologiestudium im 12. Semester und den Birkenstocklatschen: Sobald ein Jazzer seinen Musikgeschmack preisgibt, darf er sich mit solchen und ähnlichen Aussprüchen konfrontiert sehen. Das Drama ist bereits so weit fortgeschritten, dass einige der Betroffenen mittlerweile sogar angeben, nur zwischendurch Jazz zu hören und ansonsten natürlich ausschließlich die Best Of [aktuell angesagteste Band im Freundeskreis] laufen lassen. Pünktlich zum dritten Album von Amos Lee dürfte diese Randgruppe wieder einmal in Erklärungsnot geraten. "Last days at the lodge" ist die perfekte Fusion aus Soul, Folk, Blues und - natürlich - Jazz. Und doch noch viel mehr als nur das.

Nachdem sich Lee im Vorprogramm von Norah Jones, Lizz Wright und anderen bereits gestandenen Musikern zumindest innerhalb der Szene einen Namen machen konnte, ist der dritte Versuch mainstreamorientierter. Das zeigt sich, nicht nur was den Namen angeht, beim Opener "Listen": Pino Palladino höchstpersönlich steht hier am Bass und begleitet den Song schleppend bis zum rockigen Refrain, das Schlagzeug gibt einen schnellen Takt vor, die Gitarre erzeugt Riffs, die man auf einem Album von Amos Lee sicher nicht erwartet hätte. Die restlichen Lieder gehen nicht so sehr aus sich heraus, überzeugen aber dennoch auf ganzer Linie. Auf "What's been going on" singt Amos Lee dermaßen kraftvoll in alter Rhythm-And-Blues-Manier, dass man ihm den Schmerz ohne zu zögern abkauft, während die letzten beiden Stücke des Albums, "Ease back" und "Better days", folkig klingen und ohne jeglichen Kitsch auskommen. Das Repertoire dieses Musikers der etwas anderen Art ist groß und scheint an so mancher Stelle schier unerschöpflich.

"Street corner preacher" kommt trotz vieler Scatman-John-Einlagen à la "Bap ba da bapp" wie eine tatsächliche Predigt rüber, Pastor Lee schwingt sich und seine Zuhörer in soulige Höhen, und irgendwo ganz dort oben kommt auch seine Stimme bei "Jails and bombs" an. Obwohl auch "Last days at the lodge" hauptsächlich im ruhigen Bereich angesiedelt ist, spürt man den eisernen Willen, der hinter diesem Projekt steckt, mehr als deutlich. Der Jazz, wie er vor Jahrzehnten entstanden ist, ändert sich im Jahr 2008 zwar nicht mehr, jedoch entwickelt er sich stetig weiter, nähert sich nicht nur bei Amos Lee des öfteren klassicher Singer/Songwriter-Musik an und hat mit den verstaubten Klischees von einst nur noch wenig gemein. Anders sein als die anderen war schon immer viel cooler, als mit dem Strom zu schwimmen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Listen
  • Won't let me go
  • What's been going on
  • Ease back

Tracklist

  1. Listen
  2. Won't let me go
  3. Baby I want you
  4. Truth
  5. What's been going on
  6. Street corner preacher
  7. It started to rain
  8. Jails and bombs
  9. Kid
  10. Ease back
  11. Better days

Gesamtspielzeit: 37:56 min.

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