Nitin Sawhney - London undersound

Nitin Sawhney- London undersound

Cooking Vinyl / Indigo
VÖ: 17.10.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mind the gap

London, 7. Juli 2005. Ein junger Reggae-Musiker namens Natty muss aus der Bahn aussteigen. Al Kaida bombt, nichts geht mehr. Er irrt durch die Straßen und steht plötzlich am Tavistock Square nur wenige Meter vor einem Bus. Dann gibt es einen weiteren Knall, der vierte an diesem Tag. "First the flash of light / Then the rise of emotion." Gut zwei Wochen später muss er mit eigenen Augen ansehen, wie der junge Brasilianer Jean Charles de Menezes von Polizisten aus nächster Nähe erschossen wird. Genug Terror für ein ganzes Leben. Natty ist mit dem Klangchoreographen Nitin Sawhney befreundet, dessen Eltern aus dem indischen Punjab einst nach ins Ursprungsland des Commonwealth auswanderten. Und weil auch Sawhney diese mulmige Veränderung in seiner Heimatstadt London spürt, beginnt "London undersound" mit Nattys Erinnerungen an "Days of fire".

"On these streets where I played and these trains that I take / I saw fire / But now I've seen the city change in oh so many ways." Es ist ein aufgewühlter und doch im besten Worten friedfertiger Start in ein faszinierendes Album. Die hüpfende Akustikgitarre von "Days of fire" steht gleichzeitig für das Unbehagen, das sich in der Immigrantengemeinde Londons durch das Klima des Generalverdachts ausgebreitet hat, und das Vertrauen darin, dass Gemeinschaft Brücken schlagen kann. Trotzdem.

Kultureller Vielfalt spürt auch auch Imogen Heap in den Bossa-Rhythmen von "Bring it home" nach, wo die Gemeinsamkeit alles möglich zu machen scheint. Und wenn sich Paul McCartney in "My soul" mit vertrauter Zärtlichkeit interessiert an fremden Eigenarten zeigt, weht ein Hauch von Bollywood durch die Boxen. Immer wieder schimmert Sawhneys indische Grundierung im Hintergrund, darf sich aber auch ganz nach vorne mogeln, wenn Anoushka Shankars Tabla schwirrt, der pakistanische Folklorist Faheem Mazhar in mantra-artigem Urdu gurrt oder Bollywood-Sirene Reena Bhardwaj zu molligem Klavier im Monsunregen zu vergehen scheint.

Die elektronische Kunstfertigkeit Sahwneys schwappt durch ein paar der stimmungsvollen Interludes, die das Leben in der britischen Hauptstadt portraitieren. Knifflige Beats und schwere Bässe sind jedoch mehr eine hippe Ahnung, denn seit "Beyond skin" von 2003 ist die weltgewandte Opulenz Teil seines Schaffens. Sie integriert die Mestizo-Klänge von Ojos De Brujo ebenso wie spanische Trauer und die dubbige Einsilbigkeit von Aruba Red. Sie lässt Roxanne Tataei mit jazziger Melancholie über Bläser und Besen hüpfen oder Tina Grace mal durch "October haze" schweben und sich mal an den schweren Bässen von "Transmission" reiben. Für manchen sind junge Menschen mit Migrationshintergrund noch immer vor allem das vorurteilsbeladene Klischee aus platten Medienberichten. Der multikulturelle Pop von "London undersound" durchdringt diese Scheuklappen mit weichen Melodien und sanfter Zuversicht. Und einer wichtigen Botschaft: Es gibt Hoffnung in dieser Welt.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Days of fire (feat. Natty)
  • October daze (feat. Tina Grace)
  • Distant dreams (feat. Roxanne Tataei)
  • Transmission (feat. Tina Grace)

Tracklist

  1. Days of fire (feat. Natty)
  2. October daze (feat. Tina Grace)
  3. Bring it home (feat. Imogen Heap)
  4. Interlude 1 - Ghost image
  5. My soul (feat. Paul McCartney)
  6. Interlude 2 - Soledad
  7. Distant dreams (feat. Roxanne Tataei)
  8. Interlude 3 - Street sounds
  9. Shadowland (feat. Ojos De Brujo)
  10. Daybreak (feat. Faheem Mazhar)
  11. Interlude 4 - Identity
  12. Ek jaan (feat. Reena Bhardwaj)
  13. Transmission (feat. Tina Grace)
  14. Interlude 5 - Tension
  15. Last train to midnight (feat. Aruba Red)
  16. Interlude 6 - Ronald Gray
  17. Firmament
  18. Charu keshi rain (feat. Anoushka Shankar)

Gesamtspielzeit: 44:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Jayce
2012-08-12 12:00:08 Uhr
mortgage :-O flight cheap =-D
musie
2008-11-13 08:20:44 Uhr
bin erstaunt, dass es hier eine rezi davon gibt, und dann kommt das album noch so gut weg.. wobei absolut zurecht, eine kleine perle.
Nitin Sawhney
2008-11-12 23:57:12 Uhr
RBB multikulti

CD der Woche
NITIN SAWHNEY – "LONDON UNDERSOUND"
(Cooking Vinyl/ Indigo)

Der Londoner DJ, Musiker und Produzent Nitin Sawhney gehört sicherlich zu den vielseitigsten und kreativsten Köpfen der britischen Musikindustrie. Zwischen Elektro, Jazz, Breakbeats, Soul und Worldsounds verpackt Sawhney seine tief gehenden politischen Botschaften. Seine aktuellen Gedanken fasst er gut drei Jahre nach seinem letzten Album auf "London Undersound", seinem achten Studioalbum zusammen.

Nitin Sawhney, der Piano, klassische Gitarre, Flamencogitarre und Tabla spielt, wurde erst viele Jahre nach seinem Jurastudium und einem kurzen Ausflug in die Comedy-Szene professioneller Musiker. Er spielte mit dem James Taylor Quartet und arbeitete mit dem Tabla-Spieler Talvin Singh zusammen, schreibt Musik für Kino, Theater und Fernsehen, remixed Songs für so klangvolle Namen, wie Sinnead O'Connor, Sting und Paul McCartney und produzierte für den Rai-Sänger Cheb Mami.

Geboren und aufgewachsen als Sohn indischer Einwanderer in London, steht diese Stadt im Mittelpunkt von Sawhneys neuestem Werk „London Undersound“. „Es ist ein Album, auf dem verschiedene Leute ihre Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen.“ London, so Sawhneys Grundleitfaden des Albums, habe sich seit dem 11. September, spätestens aber seit den Londoner U-Bahn-Anschlägen am 7. Juli 2005, sehr verändert.

Elf befreundete Sänger und Musiker hat Sawhney eingeladen, ihre Eindrücke nach dem Juli 2005 in Songs zu fassen. Unter ihnen sind neben dem jungen englischen Rap-Talent Natty, oder Soulstimme Tina Grace auch Ex-Beatle Paul McCartney, Ojos de Brujo oder Anoushka Shankar, die Tochter des Sitar-Meisters Ravi Shankar und Halbschwester von Norah Jones. Sie alle ließen sich nicht lange bitten, mit Sawhney zusammen für dessen Album zu komponieren. Zwar ist Sawhneys musikalische Handschrift unverkennbar, doch alle Songs entstanden als gemeinsame Kompositionen mit den Gästen.

Herausgekommen sind 18 zauberhafte melancholische und intime Songs und Soundcollagen – Liebeserklärungen, an eine Stadt, die sich sehr verändert hat. Die Angst hat, wie in vielen anderen Metropolen auch, die Regie übernommen und verändert die Stadt unaufhaltsam.

Dennoch, so fügt Sawhney an, liebe er diese Stadt. Wohl kaum sonst hätte er ein solches Album erschaffen, ein Album voller Emotionen und indirekter Ermahnungen, die Augen zu öffnen. Ein Album, das zeigt, welche kulturelle Vielfalt nicht nur in England auf dem Prüfstand steht. Sawhney zeigt ganz beiläufig ein Stück davon. Indische Ambientklänge, asiatische Flöten, Dub, Soul, Flamenco, House, Jazz, Pop und fernöstliche Klassik.
Nitin Sawhney
2008-11-12 23:23:16 Uhr
Lobt mich :-D
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