Matt Elliott - Howling songs

Matt Elliott- Howling songs

Ici D'Ailleurs / Cargo
VÖ: 07.11.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Happy in the end

Es mag sich einreihen in eine lange Reihe von leeren, wortgewaltigen Phrasen - aber irgendwann finden alle Dinge nun mal ihr Ende. Dem muss ein jeder früher oder später ins Auge sehen. Wie sie enden, das bleibt den Dingen hingegen zu mancher Zeit glücklicherweise selbst überlassen. Ein lauter Knall ist nicht immer wünschenswert, weckt er doch oftmals beschämende Gefühle bei den Hinterbliebenen. Dann wiederum mag ein pompöses Getöse zum Schluss helfen, dass sich die scheidenden Dinge mit Nachdruck in unsere Erinnerung fräsen. Hätte Matt Elliott einfach so weiter gemacht wie bisher, in seiner melancholisch-depressiven Monotonie, er wäre untergegangen unter einem Wust an Trauer, Schmerz und politisch-gesellschaftlichen Irritationen. Eine Kette ohne Ende, ein Kreis des Teufels. Nun ist der britische, in Frankreich und Spanien lebende Songwriter, der ehemals Vorsteher des Drum'n'Bass-Projekts The Third Eye Foundation war, mit seinen "Howling songs" tatsächlich am Ende angelangt. Am Ende einer Trilogie. Und er hat sich etwas einfallen lassen.

"Einfallen" - das Wort setzt den Leser womöglich auf die falsche Fährte. Denn es mag eher dem tiefen Inneren von Matt Elliott entspringen, einer emotionalen Wandlung seinerseits, wenn die letzten beiden Tracks der "Howling songs" ganz andere Töne anschlagen, als man es zum Beispiel auf dem tristen Alkoholiker-Album und ersten Teil der Trilogie "Drinking songs" und der anschließenden Songsammlung von Versagen und Scheitern ("Failing songs") zu hören bekam. Aber bevor es dazu kommt, taucht Elliott wieder tief ein in die Wechselhaftigkeiten des Lebens. Tiefer als jemals zuvor. Denn Stück für Stück schaltet er die Dopplung seiner Stimme ab, singt erstmals ohne Verfremdungen und schenkt ein Mehr an Authentizität. Wie ein in Schönheit sterbender Schwan tönt Elliott im einnehmenden "A broken flamenco", begleitet von der Schwermütigkeit slawisch-russischer Folklore. Leichtfüßig stolpern Finger über die Saiten spanischer Gitarren. Violinen heulen auf in diesem betörenden Trauermarsch, bevor das Szenario kippt und schwere Gitarren im minimalistischem Sturm über jede noch so standhafte Note hinwegfegen.

Nicht nur die Wechselhaftigkeit der lyrischen Bestandteile, nein, auch die der Songstruktur macht "Howling songs" zum weitaus besten Teil der Elliottschen Trilogie. Auf der einen Seite steht ein Sänger, der seine Stimme nie inniger, nie introspektiver zum Einsatz gebracht hat, mit ihr spielt, sich treiben lässt von Eingebungen. Erstmals ordnen sich die Instrumente unter, ohne sich ihrer festgewachsenen Strukturen aus slawischen, griechischen sowie spanischen Elementen, aus Tango, französischem Chanson und jüdischem Klagelied zu entledigen. Die Kehrseite dieses hohen Maßes an Tiefgründigkeit sind die Ausbrüche ohne Umschweife, die aufkeimenden, unterdrücktem Chaos entspringen, ohne sich vorher anzukündigen. Wie in "The howling song", in dem Elliott aus einem Bündel an kreischenden Instrumenten zum dreiminütigen Heulgesang ansetzt. Melancholische Verschlossenheit vs. depressiver Angriff nach vorne. Eine Mitte findet Elliott zu keiner Zeit. Dem Himmel sei Dank.

Nur zum Ende hin, da dreht er sich komplett auf links. Ungeübte Hörer freudloser Botschaften werden wohl nur schwer den Unterschied von Hier auf Jetzt entschlüsseln können. Doch sie sind da, die positiven Spitzen. Aufzudecken erstmals im "Song for a failed relationship", einem verträumten Instrumentalstück, das im Mantel trauriger Weisen mit akustischer Gitarre und tanzender Viola strahlendem Ebenmaß auf die Spur kommt. Um dann den Weg frei zu machen für das abschließende Glanzstück "Bomb the stock exchange". Töne in Moll treten beiseite, um sich anschließend klanglichen Verbindungen in Dur unterzuordnen. Elliott setzt nach und nach der Seelenschau ein Ende. Gedanken von Wahnsinn spielen mit ein und trocknen die viel geweinten Tränen. Meterhohe Wände aus Noiseschleifen zerstören die Strukturen. Violinen kämpfen dagegen an. Es ist kein depressiver Angriff, sondern der große Knall zum Ende, der lyrisch wie musikalisch so viel Hoffnung in sich trägt und allen gesellschaftlichen, politischen Irritationen entsagt. Matt Elliott ist angelangt. Seine Trilogie stirbt in romantischer Formvollendung.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • The Kübler-Ross model
  • I name this ship the tragedy, bless her & all who sail with her
  • Song for a failed relationship
  • Bomb the stock exchange

Tracklist

  1. The Kübler-Ross model
  2. Something about ghosts
  3. How much in blood?
  4. A broken flamenco
  5. Berlin & Bisenthal
  6. I name this ship the tragedy, bless her & all who sail with her
  7. The howling songs
  8. Song for a failed relationship
  9. Bomb the stock exchange

Gesamtspielzeit: 46:32 min.

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