Matthew Good Band - Beautiful midnight

Matthew Good Band- Beautiful midnight

Universal
VÖ: 10.04.2000

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Schlaflos in Kanada

College Rock-Bands gibt es in den USA und Kanada wahrlich wie Sand am Meer, Trash-Pop in den Charts oder geleerte Wodkaflaschen in Harald Juhnkes Behausung. Manchmal heißen sie dann auch noch gleich Schnapsdrosseln (Gin Blossoms) oder Tonic und sind dabei in ihren belanglosesten Momenten so austauschbar wie die die Britneys, Christinas, Jessicas und Mandys dieser Welt. Nun kommt also noch eine College-Combo von dieser Sorte aus Kanada daher, nennt sich Dave Matth... äh... Matthew Good Band und schmückt sich mit allerhand Awards und Platinauszeichnungen jenseits des großen Teichs. Das Siegel College-Rock auf einer CD scheint dort drüben ja schon einer unwiderstehlichen Kaufaufforderung gleichzukommen - und um ein Album dieses Genres zu erhalten, das ohne Edelmetall ausgeht, müßte man wohl schon die anspruchslose Speerspitze deutschen Radiorocks, sagen wir Scycs, Gil, die Alternative Allstars und Liquido, in eine überdimensionale Aldi-Tüte packen und den Amis zu Ostern vermachen.

Aber Überraschungen erhellen nun mal das Leben des gelangweilten Rezensenten und was Tonic mit ihrem letzten Werk nicht gelang, schafft jetzt die Matthew Good Band. Anspruchsvolle und mitunter sehr abstrakte Lyrics wie "I'm the creature in your sick thing / everybody sees a giant / when the bad moon in your heart sings / and your wind up gears start grinding" werden in prächtige Melodien verpackt, die auch leise Zwischentöne im Midtempo-Einerlei zulassen. Dabei gelingt es der Band sogar noch, das ganze als Bonus in eine Art Konzeptalbum zu bündeln.

"Beautiful midnight" ist selbiges betitelt und anstelle von schnöden Ziffern tragen die Songs in der Tracklist Uhrzeiten zwischen fünf Uhr abends und fünf Uhr morgens. Der schlaflose Matthew Good grübelt und wachträumt sich durch alltägliche oder auch weniger alltägliche Geschichten, die ihn mal lediglich zu vergessenen Liebschaften, aber auch nach Suburbia (glücklicherweise kein Pet Shop Boys-Cover) oder zu Alice ins Wunderland führen. In "Failing the Rorschach Test" spricht er zu Alice und dem nimmermüden Hasen, um am Ende das Straßenpflaster zum Einsturz zu bringen. "I'm afraid enough to stay wide awake (This ain't real baby, I've got a better excuse for myself)" klagt er und der Hörer glaubt den wahren Grund für Goods Wachen zu erfahren. Und doch kann sich niemand wirklich sicher sein, ob Good wirklich nur fantasiert oder von einer alptraumhaften Wirklichkeit erzählt.

Mit dem letzten Stück "Running for home", das statt einer Uhrzeit das Anhängsel "Sun up" mit sich trägt, wird Matthew Good schließlich doch von den Zweifeln erlöst. "I close my eyes now and I scream / I turn the light on and there's nothing left redeeming [...] Well it's too late tonight and I'm sure you're right so low for how high". Das klare Bewußtsein ist zurück, doch immer noch steht hinter den letzten Worten im Booklet ein dickes Fragezeichen. Die Nacht hat ihre bleibenden Spuren hinterlassen.

Wie das Cover vermuten läßt, scheint ein Restteil der Magie aus dem Wunderland sich nicht abschütteln zu lassen. Irgendeine Hexe aus dem Dunstfeld von Marilyn Manson wird Matthew Good in der Nacht heimgesucht und mit einem bösen Fluch belegt zu haben, so daß er bis ans Ende seiner Tage mit einen albernen Affenkopf durch die Welt ziehen muß. Der Ärmste! Ein Grund mehr, daß mein Zeigefinger in nächster Zeit am Plattenschrank des öfteren - wie von Wunderhand - über die geschätzten Goo Goo Dolls hinwegschweifen wird, um erst eine Band weiter ein seltsames Kribbeln zu verspüren und zum Stillstand zu kommen.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Giant
  • Strange days
  • Failing the Rorschach test

Tracklist

  1. Giant
  2. Hello time bomb
  3. Strange days
  4. I miss new ways
  5. Load me up
  6. Load me up
  7. Failing the Rorschach test
  8. Suburbia
  9. Let's get it on
  10. Jenni's song
  11. Going all the way
  12. A boy and his machine gun
  13. The future is x-rated
  14. Born to kill
  15. Running for home

Gesamtspielzeit: 65:10 min.

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