Jolie Holland - The living and the dead

Jolie Holland- The living and the dead

Anti / SPV
VÖ: 17.10.2008

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Es war einmal das Leben

Die Lektüre eines Buches auf der letzten Seite zu beginnen, ist nicht immer als grobe Unsportlichkeit zu werten - manchmal werfen erst die Rückfahrscheinwerfer das richtige Licht auf ein Werk. Jolie Hollands viertes Studioalbum "The living and the dead" ist da keine Ausnahme: Während die Dame aus Texas bisher - zuletzt vor zwei Jahren auf "Springtime can kill you" - ihre Lieder mit einer morbiden Melancholie umhüllte, rabenschwarz und mindestens fünf Ozeane tief, schließt sie ihre neue Platte vollkommen unerwartet mit unfrisierter Lagerfeuerklampferei. Zu der sie gemeinsam mit ihrer alten Kollegin Samantha Parton von den Be Good Tanyas unermüdlich diese eine Zeile singt: "Enjoy yourself / It's later than you think" - wobei Holland eigentlich eher kichert als singt. Mit diesem Wissen ist alles davor zwar immer noch rabenschwarz, aber nur noch vier Ozeane tief. Höchstens.

Dass die Stimmung auf "The living and the dead" gar nicht mal so dramatisch wirkt, dürfte daran liegen, dass das angejazzte Seufzen offenbar während Hollands Umzug nach Brooklyn verloren gegangen ist und durch solide, geradlinige und teilweise auch etwas zu schlichte Country- und Folk-Arrangements ersetzt wurde. Gratis dazu gab es ein Rock'n'Roll-Starterkit, das allerdings nur bei "Your big hands" zu nennenswertem Einsatz kommt. Die ungewohnt dreckigen Gitarrenakkorde am Anfang des Songs, die erst nach AC/DC, dann nach den Rolling Stones und schließlich doch weitgehend harmlos klingen, spielt Madame jedoch nicht selbst. Das übernimmt der werte M.Ward, der auf diesem Album mehrfach seine talentierten Finger im Spiel hat. So auch bei "Mexico City", dem mit Abstand besten Stück der Platte, das einen wunderbaren Monolog in Richtung Jack Kerouac schickt und trotz seines Titels direkt aus dem Americana-Lehrbuch kommt - das Holland brav von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hat.

Und eines hat sie dabei besonders verinnerlicht: Dass die dunkelsten Inhalte manchmal den buntesten Umschlag brauchen - sofern man bei Holland überhaupt von "bunt" sprechen kann. Aber da ist zum Beispiel "Corrido por Buddy", die sensibel nachgezeichnete Achterbahnbiografie eines drogenabhängigen Freundes, aufgefangen von beinahe sorglosem Country-Pop. Auch "Palmyra" könnte ganz hervorragend einen gemütlichen Herbstspaziergang besoundtracken, wenn da nicht Zeilen wie "My heart is a graveyard / It's an old man's land" wären. Aber trotz ihrer Vorliebe für Stirnfalten-Origami hat Holland tatsächlich auch einen gewissen Sinn für - natürlich rabenschwarzen - Humor: "I'll dance at your funeral / If you'll dance at mine."

Als musikalisch am interessantesten erweist sich das bisweilen wüstensandstaubtrockene "Fox in its hole", das sich den Luxus gönnt, ein halbes Instrumental zu sein und gleichermaßen unheilvoll und meditativ zu klingen. "Sweet loving man" hört sich mit Schunkelrhythmus und Fiddle eher nach Kirmes in South Louisiana an, während "Love Henry" eigentlich ins Museum gehört - Bob Dylan behauptete jedenfalls einmal, besagter Song sei älter als die Bibel. Holland singt ihn durch ein Mikrophon, das immerhin doppelt so alt ist wie sie und aus alten Telefonteilen zusammengebastelt wurde. Könnte aber auch sein, dass sie bloß auf die Mailbox ihres Mobiltelefons gesungen und sich einfach eine nette Geschichte dazu ausgedacht hat. Man würde es ihr zutrauen. Und außerdem wünschen, dass die Umzugskiste mit dem angejazzten Seufzen wieder auftaucht. Ehrliche Musiker haben ehrliche Finder verdient.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Mexico City
  • Corrido por Buddy
  • Fox in its hole

Tracklist

  1. Mexico City
  2. Corrido por Buddy
  3. Palmyra
  4. You painted yourself in
  5. Fox in its hole
  6. Your big hands
  7. Sweet loving man
  8. Love Henry
  9. The future
  10. Enjoy yourself

Gesamtspielzeit: 40:15 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Leatherface
2008-08-06 20:57:42 Uhr
Jolie Holland Releasing Living and the Dead Oct. 7 - M. Ward, Marc Ribot Guest

Jolie Holland, the lauded performer with a voice described by the Village Voice as "sultry and sweet, despairing and lonely," will release the Living and the Dead on October 7th.

Co-produced by Holland and Pakistani-born Shahzad Ismaily, the Living and the Dead's production credits illustrate the collaborative improvisation that went into making her fourth record. M Ward (She & Him, My Morning Jacket) lent his production skills to a song and also played guitar on two tracks, multi-instrumentalist Ismaily added sounds via bass, moog, shruthi box and a duck call among others, famed guitarist Marc Ribot (Tom Waits, Elvis Costello) appears on several songs and former bandmate Samantha Parton (Be Good Tanyas) sings on the final track. The results bear the evocative moodiness that has always existed in Holland's music, but also capture the rollicking creativity of the studio environment, highlighting a new influence on her songwriting that Holland explores for the first time on this release.
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