Bohren & Der Club Of Gore - Dolores

Bohren & Der Club Of Gore- Dolores

PIAS / Rough Trade
VÖ: 10.10.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schneller erschöpft

Wenn man dreißig Packungen Valium einwirft, weil man die Hetze des eigenen Herzschlags nicht mehr erträgt; wenn der Kaffee in Lichtgeschwindigkeit aus dem Filter tropft und doch schon wieder erkaltet, bevor er den Kannenboden berührt; wenn man sich besser schon vorgestern überlegt, morgen ein Bier zu trinken, um ja rechtzeitig aufs Klo zu kommen; dann drücken Bohren & Der Club Of Gore den Takt der eigenen Bewegungen mal wieder auf -666 BPM und verwandeln das Synapsenfeuer der Gedanken in eine einzige Schneckenpost. Zuletzt (de)frisierte "Geisterfaust" ihren Slowcore-Doom-Jazz in eine fürwahr "unerhörte" Zeitlupen-Maschine. Ein Ton pro stellarer Biographie musste ausreichen - so dicht wie dunkle Materie und so löchrig wie alle Theorien darüber. "Dolores" macht demgegenüber einige Dinge anders. Was auch sonst, denn Stillstand ist Tod, zumal in der Musik.

An diesem Stillstand, mit dem der Vorgänger Selbstmord beging, muss der Nachfolger logischerweise scheitern. Deshalb beginnt nun alles mit einem Kampf gegen das innerlich waltende Todesprinzip. "Dolores" gelingt das ebenso spielend wie elegant. Melodien und Harmonien sind keine gedachten Linien mehr, sie artikulieren sich klar und deutlich. Man hört eine Entspanntheit in den Songs, die sich wieder auf sich selbst verlassen, statt immer nur an die Konsequenz(en) zu denken. Mehr "Twin Peaks"-Gebläse als bei "Unkerich" und "Still am Tresen" hörte man zuletzt auf "Sunset mission" zum Jahrtausendwechsel. "Welten" wandelt sich vom grollenden Herzen zum herzlichen Grollen, schafft es aber dennoch ebenso wie "Staub", den letzten Beckenschlag wie ein fieses Nachtreten klingen zu lassen. Irgendwo muss etwas passiert sein zwischen den kellertiefen Drums, dem Fender-Rhodes-Wetterleuchten und den brrrrrodelnden Bassschwingungen. Nach wie vor erzählen diese Songs Geschichten, haben dabei aber alle Zeit von tausend Welten - eine unteilbare Masse, zu träge für die Wahrnehmung.

Doch so langsam die Musik, so blitzgescheit sind ihre Schöpfer. Bohren & Der Club Of Gore beweisen einen starken Willen - ohnehin die einzig unberechenbare Kategorie, die das eigene Ableben ebenso erzwingt wie den Ausstieg aus der Totenstarre. So blieb auch "Geisterfaust" in all seiner Radikalität harmonisch elementar und bescheiden, zeigte lediglich, worauf verzichtet werden muss, um einen letzten Funken Leidenschaft aus dem Einklang zu schaben. Und war dabei derart starrsinnig, dass der Humor der ganzen Veranstaltung erst bei den anbetungswürdigen Konzerten ansichtig wurde. Für "Dolores" bedeutet das, dass selbst im Vergleich zum Vorgänger gar nicht viel passieren muss, um ein völlig neues Klangbild zu erzeugen. Es muss lediglich ein ganzer Haufen Noten mehr gespielt werden, genau da, wo vorher all diese Löcher waren. Vibraphon, Orgel und endlich wieder Christoph Clösers Saxophon übernehmen die Aufgabe. Eine Geschäftigkeit, die die Songs schneller erschöpft und ganz von allein unter die Sieben-Minuten-Marke drückt.

Einen Rückschritt stellt "Dolores" also partout nicht dar. Denn auch "Geisterfaust" war letztlich alles andere als eine Weiterentwicklung. Eher schon eine Versuchsanordnung, die keine Richtung mehr kannte, zumal keine Zeiten. Ein Supernova-Schlendrian, innen kompakt, von außen paradoxerweise ohne Anziehungskraft. "Dolores" emanzipiert sich aus dem Experimentier-Baukasten und schlägt einfach irgendeine Route ein. Schließlich ist man ohnehin zu langsam, um irgendwo anzukommen. In diesem Sinne: Auf zur Kaffeemaschine - nächste Woche naht Besuch.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Unkerich
  • Von Schnäbeln
  • Welten

Tracklist

  1. Staub
  2. Karin
  3. Schwarze Biene (Black Maja)
  4. Unkerich
  5. Still am Tresen
  6. Welk
  7. Von Schnäbeln
  8. Orgelblut
  9. Faul
  10. Welten

Gesamtspielzeit: 58:31 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Whatever
2009-12-14 21:30:35 Uhr
Live echt wunderbar. Absolut empfehlenswert!
Zurück zum Beton
2009-12-14 17:49:12 Uhr
live sind sie wunderbar.
angereichert mit den lakonischen Ansagen des Saxophonisten.
tolles, stimmiges Erlebnis.
ab nach dortmund mit dir.
Spice
2009-12-14 16:19:22 Uhr
Lohnt es sich live?
tratzke
2009-06-07 15:50:40 Uhr
Für 10 Teuronen definitiv selten beschissenes P/L-Verhältnis.
Wirklich nur für die, die alles, aber auch wirklich alles, und auf jedem Format haben müssen.
dreamweb
2009-06-05 19:20:55 Uhr
okay, mitleid lady ist heute eingetroffen.
ist ein hammer-track, 10 min. bohren pur. das sax fehlt natürlich auch nicht.

bin begeistert
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