Amanda Palmer - Who killed Amanda Palmer

Amanda Palmer- Who killed Amanda Palmer

Roadrunner / Warner
VÖ: 26.09.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Mordsweib

Am 19. April 1775 fiel in Lexington, Massachusetts der berühmte erste Schuss, der den Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges einleitete. Es sollte noch gut 200 Jahre dauern, bis die junge Amanda Palmer in besagte Stadt zog und von dort aus ihren ganz eigenen War of Independence startete: "I'm not gonna live my life / On one side of an ampersand", heißt es in ihrem schönsten Beitrag zum Thema, untermalt von ebenso freiheitsliebenden Streichern. Bereits im Grundschulalter probte sie den Aufstand am Steinway-Flügel - nicht selten mit einer Spielzeugknarre in der rechten Hand. Das dürfte auch erklären, warum die Palmer mit links aus dem Piano ein Percussion-Instrument macht und die tiefen den hohen Tasten eindeutig vorzieht. Dass sie sich da bei Männern und Frauen nicht ganz sicher ist und vor acht Jahren mit Brian Viglione das Punk-Cabaret-Duo The Dresden Dolls gründete, ist bekannt. Und der Rest Geschichte.

Das neueste Kapitel sollte ja eigentlich ganz anders anfangen: Palmer wollte in ihrem trauten Heim in Boston und ohne großen Aufwand all jene Songs aufnehmen, die sich in den letzten Jahren angesammelt hatten und deren Bestimmung außerhalb des Dresden-Dolls-Imperiums lag. Mit Ausnahme der Balladen "Ampersand" und "The point of it all", die schon seit längerem ihren Platz im Live-Repertoire der Band hatten. Höchstens zwei Wochen und nicht mehr als Gesang und Klavier plante Palmer für die Aufnahmen ihrer ersten Soloplatte ein. Die Session dauerte schließlich anderthalb Jahre, und die Instrumentierung übertraf locker die pompösesten Dresden-Dolls-Arrangements. Who convinced Amanda Palmer?

Ben Folds. Als ebenso glühender wie ausgefuchster Dresden-Dolls-Verehrer hatte dieser bei einem zufälligen Treffen spontan sein Studio in Nashville und seine Dienste als Produzent angeboten. Immerhin hatte er sich schon ganz passabel um William Shatners Spätwerk "Has been" gekümmert - und wer es mit Captain Kirk aufnehmen kann, wird auch mit Captain Amanda fertig. Selbst wenn es anderthalb Jahre dauert. Bereits im Intro des ersten Songs pulsieren die Instrumente derart bombastisch, als wäre es ihre allerletzte Chance. Der Flügel hallt noch immer nach, als Palmer ganz sachte die erste Strophe formuliert. "I am still not getting what I want / I want to touch the back of your right arm / I wish you could remind me who I was / Cause every day I'm a little further off", klagt sie ungewohnt zerbrechlich ein paar Takte später. Who tamed Amanda Palmer?

Bei den hyperaktiven Staccato-Salven von "Runs in the family" ist davon nichts mehr zu spüren. Auch "Leeds United" fährt genüsslich die Krallen aus und gibt eine weitere Unabhängigkeitserklärung ab: "Who needs love when there's Southern Comfort?" Allen Zweiflern bläst schließlich noch ein Horn-Ensemble ordentlich den Marsch. Noch eindrucksvoller ist die Palmer allerdings bei den leiseren, gefühlvolleren Stücken - vor allem bei "Have to drive", das mit einem hinreißenden Streicherarrangement des großen Paul Buckmaster (Leonard Cohen, David Bowie, Elton John) und sogar einem stattlichen Chor aufwartet.

Ähnlich überraschend sind die Gastauftritte von East Bay Ray (Dead Kennedys) bei "Guitar Hero" und Annie Clark (St. Vincent), die im Duett mit Palmer "What's the use of wond'rin?" aus dem Broadway-Musical "Carousel" covert. Und dann wäre da noch "Oasis" - nicht die Band, sondern der wohl klassischste Popsong, den Palmer je geschrieben hat. Mit sonnigen Beach-Boys-Harmonien, aber natürlich bitterbösem Text. Auf "Who killed Amanda Palmer" geht kein einziger Schuss nach hinten los - und das nicht nur, weil die Gute mal wieder zielsicher ins Schwarze trifft und allen Grund hat, den Blick dabei nach vorne zu richten. Sondern auch, weil dieses Album nicht weniger als entwaffnend ist.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Runs in the family
  • Ampersand
  • Have to drive
  • Oasis

Tracklist

  1. Astronaut: A short history of nearly nothing
  2. Runs in the family
  3. Ampersand
  4. Leeds United
  5. Blake says
  6. Strength through music
  7. Guitar Hero
  8. Have to drive
  9. What's the use of wond'rin?
  10. Oasis
  11. The point of it all
  12. Another year: A short history of almost something

Gesamtspielzeit: 54:46 min.

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