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Bloc Party - Intimacy

Bloc Party- Intimacy

blocparty.com
VÖ: 21.08.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hart am Limit

Kele Okereke steht unter Strom. Am Anfang seiner Karriere galt das vornehmlich im übertragenen Sinn: Der Sänger von Bloc Party klang auf "Silent alarm" wie eine aufgekratzte Zicke und ließ sich dazu passend immer wieder in Streitereien mit der Presse oder anderen Musikern verwickeln, die er zu alt, zu fett oder zu doof fand. Seit der zweiten Bloc-Party-Platte "A weekend in the city" ist das mit dem Strom aber auch zusehends wörtlich zu verstehen. Okerekes Stimme wurde immer häufiger elektronisch verfremdet und entstellt, in Scheiben geschnitten und neu zusammengesetzt, bis er zu einem jener traurigen Roboter wurde, deren Partygesellschaft im Londoner East End er von innen heraus als leblos und wertlos enttarnen wollte. Inhalt und Form fanden dabei erstaunlichen Einklang - und wenn man nun "Intimacy" glauben darf, ist seitdem alles nur noch schlimmer geworden.

Intimität sei die letzte unbestechliche Währung der Menschheit, hatte Okereke schon auf der Interviewtour zu "A weekend in the city" erzählt. Die Platte, die Bloc Party nun so genannt haben, verschiebt ihren Sound allerdings in die entgegen gesetzte Richtung, immer mehr zum PA-System für eine Art idiotensicherer Großraumdisco, die erst mal jemand bauen müsste. Polohemdkragen und Gelfrisuren kriegt "Intimacy" immer noch glatt gebügelt - es ist aber schon ein soundtechnischer Kraftakt, wenn sich "Ares" zwischen übersteuerten Gitarren und mittleren The Prodigy austobt, bis mitten im Song eine Verpflegungsstation nötig wird. Okerekes Vocals rücken näher denn je an Dizzee Rascals breitmäulige Intonation heran und scheinen auch in "Mercury" mehr ausgespuckt als gesungen. Der Song dazu veranstaltet als Wiederholungstäter mit blechernen Bläserfanfaren, Free-Jazz-Trompeter und R'n'B-geschulter Drum-Machine locker den bisher größten Bloc-Party-Wahnsinn.

Nach dem zweiten Track also steht man hier schon vor dem ersten Trümmerhaufen. "Intimacy" scheint allerdings auch an Fans der ersten Stunde zu denken und verabreicht seinen Willen zum Experiment in der Folgezeit ebenso wohldosiert wie die allgegenwärtige Verachtung konventioneller Rockmusik. Schon "Halo" hat wieder die für Schlagzeugtier Matt Tong typischen Trommelwirbel und einen gesunden Vorwärtsdrang, der anders als zum Beginn des Albums nicht in alle denkbaren Richtungen zersplittert, sondern im Verlauf des Songs nur noch entschiedener gebündelt wird. Es wäre die logische erste Single gewesen, der sich Bloc Party wohl ganz bewusst verweigert haben - auch weil das ähnlich geradlinige "One month off" in einen Rockchorus gezwängt wird, der nicht nur im "Intimacy"-Kontext ungewöhnlich genügsam erscheint.

Anders als ihre Vorgänger krankt die Platte dafür nicht an einer zweiten Hälfte, die mit dem Leistungsniveau der vorangegangen 20 Minuten überfordert ist. Schon der geduldig zusammengesetzte Beatbaukasten von "Biko" und das ambiente Glockenläuten aus "Signs" verlangsamen das Tempo kurz vor dem drohenden Overkill, sodass grobkörnig verquirlte Gitarren und Synthesizer in "Trojan horse" und die finale Systemüberhitzung des vorsorglich vorbereiteten "Better than heaven" ihre Wirkung auch noch als Teil der zweiten oder dritten Welle entfalten können. Dazwischen und danach findet "Intimacy" in unterschiedlichen Songs Zeit für sakrale Orgeln und den zugehörigen Kirchenchor. Und am Ende steht mit "Ion square" sogar ein einziger Song, der sich diesmal noch Bloc Partys hassgeliebtem Hang zur Coldplay-Hymne hingibt.

Unter all dem Sound geht indes Okerekes Suche nach Wahrheit, Ausweg und Sex weiter, der sich zumindest nicht vollkommen bedeutungslos anfühlt. Selbstgerechtigkeitsvorwürfe, mit denen er sich nach "A weekend in the city" konfrontiert sah, begegnet er, indem er sich wesentlich tiefer in seine Songs zurückzieht: Er ist wieder mehr Beobachter, weniger Souffleur - und lässt aus "Intimacy" statt konkret formulierter Verbesserungsvorschläge eine ehrlich empfundene Ratlosigkeit sprechen, die Bloc Party nur mit ihrer eigenwilligen Auffassung von Rockmusik, maschineller Seelenlosigkeit und dementsprechend schmerzhaft schmerzfreier Produktion ausgleichen können. Zur gezielten Provokation wird das Album aber auch durch ständiges Hochfahren aller Regler nur für Leute, denen der Einlass zur idiotensicheren Großraumdisco verwehrt bleibt. Wer Rock'n'Roll nicht dort beendet, wo Drumcomputer anfangen, wird Bloc Party auch diesmal nicht als Quertreiber, sondern als alte Verbündete erleben.

Das Album ist derzeit exklusiv als Download zum Preis von ca. 7,50 Euro auf http://www.blocparty.com/ erhältlich und erscheint am 24. Oktober 2008 regulär über Wichita / Cooperative / Universal.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Ares
  • Mercury
  • Halo
  • Better than heaven

Tracklist

  1. Ares
  2. Mercury
  3. Halo
  4. Biko
  5. Trojan horse
  6. Signs
  7. One month off
  8. Zephyrus
  9. Better than heaven
  10. Ion square

Gesamtspielzeit: 43:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

jo

Postings: 3125

Registriert seit 13.06.2013

2021-08-05 16:18:56 Uhr
"One Month off" ist für mich ein Highlight - so was wie der (härtere) Nachfolger zu "Hunting for Witches". Andere wurden bereits genannt.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7379

Registriert seit 26.02.2016

2021-08-05 13:57:35 Uhr
Die B-Seite "Idea For A Story" finde ich übrigens auch sehr stark.

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 9186

Registriert seit 23.07.2014

2021-08-05 12:40:23 Uhr
Interessant übrigens, wie sie mit "Letter to My Son" bei den Bonustracks einfach einen Smithsong geschrieben haben. Mag den auch.

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 9186

Registriert seit 23.07.2014

2021-08-04 22:18:46 Uhr
Und ansonsten das, was Felix weiter oben schreibt. Produktion passt hier für mich eigentlich recht gut, und ja, "One Month Off" ist echt öde.

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 9186

Registriert seit 23.07.2014

2021-08-04 22:17:00 Uhr
Habs heute mal wieder gehört und es war dann doch deutlich zerfahrener als in meiner Erinnerung. Auch kommt durch die komische Songanordnung leider kein richtiger Flow zustande. Der Opener ist wie erwähnt herrlich zerschossen, ich liebe es wie "Mercury" sich bis zum Finale mit den Weltuntergangsbläsern immer weiter aufschichtet und "Halo" geht mit seinem herrlich verzerrten Bass auch super nach vorne. Das schnarchige "Biko" nimmt leider das ganze Tempo raus, "Signs" gefällt mir besser, stört mich an der Stelle leider auch. "Talons" dann nochmal ein Highlight, sonst auch etwas Kraut und Rüben. "Zephyrus" funktioniert für mich auch nicht wirklich, ist aber immerhin ziemlich interessant. Schon ein seltsames Album.
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