Bound Stems - The family afloat

Bound Stems- The family afloat

Flameshovel / Cargo
VÖ: 12.09.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Alles bloß Theater

Novalis, der alte Mittelstufen-Quälgeist, salbaderte einst über das Theater, es sei die tätige Reflektion des Menschen über sich selbst. Im klassischen Sinne braucht es dazu Ruhe, Nackenstarre, Kontemplation sowie: einen Sessel und zwei Armlehnen. Bound Stems bitten mit ihrem zweiten Album ebenfalls zum konzentrierten Sitzenbleiben. Nach den unruhigen Geistern von "Appreciation night" reflektieren sie auf "The family afloat", was die Bühnenbretter herhalten. Die Größe der Welt wird zu Peepholes der Erinnerung von anderen Menschen, Zeiten und Orten und der Zuhörer vom modernisierten, ewigen Mitmacher zum stummen Zeugen heruntergebrochen.

Dazu versenken sich Bound Stems tiefer in ihren Indie-Rock, streichen all das weg, was ihnen auf dem Debüt noch zu einfach schien. Die hymnischen, sich oftmals in mehrstimmige Shanty-Choräle steigernden Refrains von "Happens to all of us otherwise" oder "Crossed off together" werden nach wie vor im Schleuderkurs angesteuert, selbstgebaute Hürden gibt es aber kaum noch. Und folgerichtig weniger Bewältigungs-Katharsis. Noch die rauesten Gitarren, Drums und Bassmelodien von "Sugar city magic" und "Passing bell" verwirbeln sich zu Fata-Morgana-Tänzen. Es wird gepfiffen, wenn eine Klärung ansteht, nicht länger die Faust erhoben. Kurz: Es wird, trotz der stets einsturzbereiten Erzählstrukturen, zu keiner Sekunde auch nur ansatzweise ungemütlich.

Gerade als Bound Stems dabei Gefahr laufen, sich in ihren eigenen Finessen ein wenig zu verlieren, erblüht mit "Winston" eine der scharfsichtigsten Halluzinationen des Albums. Mit diesem zwischen Hommage, Ammenmärchen und Investigation pendelnden Biographieschnipsel über Winston Churchill presst sich das Mienenspiel von "The family afloat" noch einmal mit sich selbst zusammen. Bobbie Gallivans und Janie Porsches Duett bringt die Worte zum Fliegen, der Text steuert ein, bleibt klar verständlich, bewahrt sich in seiner detaillierten Kryptik aber vor der Enthüllung. "Winston, I'm sorry / There's no word from Washington / You can see all the faults of the world outside your window / Clementine's gone off to bed / Sir, I'll see you in the morning." Auch die Instrumentierung gibt sich mit Akustik- und Steelgitarren, Banjos, Cello und einer herzerweichenden Melodie geerdet, verflüchtigt sich aber auch in einen Traum, oder besser: in die Inszenierung eines Traums. Die Distanz, die der Song dabei zu seinem Objekt wahrt, gleicht der einer amerikanisch-andächtigen Schul-Theater-Aufführung: Sie versenkt sich immer tiefer, statt Abstand zu nehmen, wird privater und zugleich fantastischer, statt aufzudecken.

So begleitet auch die Musik eine innige Diskrepanz. Sie bleibt ein unfassbar harmonisches Kleinod, legt sich jedoch im Diskreten eine immense Kraft zu. Und wird so zu einer Insel der Intimität, die aus der Mitte von "The family afloat" herausragt wie die Offenbarung eines Geheimnisses, das in seiner fortwährenden Verschleierung besteht. Solch ein Song ist eine echte Rarität. Er glückt selten und gewiss nur einmal pro Platte. Dennoch ist er ebenso Schlüsselloch wie weite Teile von "The family afloat". Das Album blickt fortwährend ins Intimste, auch von sich selbst. Eine außerordentlich konzentrierte Übung, voller großartiger Momente und Songs. Der Hörer indes kann bloß schweigen, staunen, sich in seinen Sitz krallen. Er ist Spion der größten Dramen auf den kleinsten Bühnen - in einem Theater der alten Schule.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Happens to us all otherwise
  • Cloak of blue sky
  • Winston
  • Sugar city magic

Tracklist

  1. Taking tips from the gallery gang
  2. Happens to us all otherwise
  3. Passing bell
  4. Palace flophouse and grill
  5. Clear water & concrete
  6. Cloak of blue sky
  7. Only Clementine knows
  8. Winston
  9. Crossed off together
  10. Sugar city magic

Gesamtspielzeit: 47:53 min.

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Tobias H.
2010-07-23 11:32:10 Uhr
Debüt der Nachfolge-Band im Komplettstream und als "pay what you should"-Download unter:

Like Pioneers
m.caliban
2008-09-04 15:02:45 Uhr
It happens to us all otherwise auf my space gehört und hin und weg hgewesen, ist schon nix extrem eigenständiges aber mir egal, wenns dann soo geil ist.
Soup Dragon
2008-09-04 12:19:22 Uhr
Nachdem die hier schon zweimal rezensiert wurden, haben die auch nen Thread verdient. Just another Indie-Rockband. Aber gut.
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