Volcano! - Paperwork

Volcano!- Paperwork

Leaf / Indigo
VÖ: 29.08.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die Falschparker

Volcano! sind Stänkerer im klassischen Sinne. Das Chicagoer Trio steckt seine Nasen überall rein, lässt seinen Blick vom Fensterbrettkissen über die Welt gleiten und gibt ungefragt Kommentare ab - gern auch zu all dem, von dem sie weder Ahnung noch Mandat haben. Man nehme nur den Humanity-Fair-Disser "Africa just wants to have fun": "Everyone out on the floor / It's supergroup pop for the poor / Savin' our souls at the store / Savin' us all from the horror / Let your martyr's arms / Bear the winds of the wind machine." Das ist Bono-Bashing der ersten Kategorie, ungeachtet der Tatsache, dass es hier um Engagements geht, nach denen Volcano! nicht mal gefragt würden, wenn der Vesuv Bob Geldof persönlich auf dem Kieker hätte. Das Gute daran: All die Mittelfinger und Arschkarten bewahren "Paperwork" vor allzu großer Verwirrung. Denn die ist bei einem derart überbordenden, kratzbürstigen und ausstellungswütigen Album eigentlich programmiert.

Doch Volcano! machen zu keiner Sekunde wirklich ernst damit. Wenn es wie zu Beginn von "Africa just wants to have fun" und "'78 oil crisis" oder bei "Tension loop" knöchern, zerschwurbelt und klickernd herumjazzt, dann geschieht das im melancholischen Grundhall der frühen Tortoise und Volcano! erweisen sich als Fans der dritten Stunde und aus zweiter Hand. Alles passiert vermittelt, sucht sich seinen partner in crime auf der ganz anderen Seite. Jamiroquai- oder The-Dismemberment-Plan-Funk, der nach allen Seiten implodierende Gospel der 31Knots, die ebenfalls stets nach innen brechenden Noise-Wellen der Marke Unwound oder Sonic Youth und natürlich ein überall hörbarer Zerstörungswille: "Paperwork" funktioniert wie ein Varieté, in dem sich die Protagonisten gegenseitig auf die Bühne ziehen, zerren und schubsen, egal, ob das jeweilige Opfer überhaupt will, sein Kostüm noch um die Knöchel trägt oder nur zufällig am Garderobenfenster vorbeiflanierte.

Im Kern der Songs wirbelt hingegen stets ein Taifun, der nicht nur wegen Aaron Withs Falsett stark an Ted Leo erinnert. Seine teils in Prince-Exzentrik rauf und runter brechenden Stakkato-Phrasierungen sind Prospektionen dessen, was auch jedem einzelnen Song früher oder später passieren wird. Ein weiterer wichtiger Punkt, der alles auf "Paperwork" zu einer Einheit zusammenschweißt, die immer wieder in einem kannibalistischen und Soul-infizierten Mod-Punk davontuckert, dem darauf auf dem Motocross-Gelände die irrwitzigsten Kunststücke beigebracht werden. Nur selten gehen die Pferdestärken wirklich durch, wie bei den im Asia-Wok angeschlagenen Gitarrensaiten von "Sweet tooth" oder der unbedingt erhebenden "Astronomer's ballad", die ihren Text in einem Spanisch-Kurs vor sich her treibt, mit dem Schwarzenegger selbst seine Muttersprache entweihen könnte. Das aber bleiben die Ausnahmen. Ansonsten befinden sich die Stänkereien hier stets auf der guten Seite. Und Schuld haben immer nur die anderen. Volcano! schwärzen Falschparker an, während sie selbst breitbeinig mitten auf dem Asphalt liegen. Gift- und Gallespucker: Manchmal braucht es einfach solche Menschen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Africa just wants to have fun
  • Tension loop
  • '78 oil crisis

Tracklist

  1. Performance evaluation shuffle
  2. Africa just wants to have fun
  3. Tension loop
  4. Fairy tale
  5. Slow jam
  6. '78 oil crisis
  7. Sweet tooth
  8. Astronomer's ballad
  9. --------
  10. Palimpsests
  11. Kitchen dance

Gesamtspielzeit: 53:56 min.

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