The Little Ones - Morning tide

The Little Ones- Morning tide

Heavenly / Cooperative / Universal
VÖ: 05.09.2008

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Kissenschlachtenbummler

Es hat schon seine Gründe, dass das angeblich wichtigste Album der Popgeschichte ursprünglich "Smile" heißen sollte, bevor sich Brian Wilson dann doch entschied, erst noch ein paar andere Dinge zu erledigen. Musik, die Menschen zum Lachen bringen kann, ohne dafür blöde Witze erzählen zu müssen, ist schließlich selten. Die meisten Platten wollen ja gar keine gute Laune verbreiten, und die, die es doch wollen, sind in der Regel nicht das Polycarbonat wert, auf das sie gebrannt werden. Der Ansatz einer Band wie The Little Ones ist deshalb weit weniger selbstverständlich, als man meinen möchte: Gute Songs sind hier nur solche, die ihren Zuhörern ein Lächeln abknöpfen können - und damit ist es schon lange niemandem mehr so verdammt ernst gewesen.

So wie die besten Filmkomödien unfassbare Tüftelarbeit in Punkto Drehbuch und Timing verlangen, ist auch der vermeintliche Eitel-Sonnenschein-Pop der Little Ones in Wahrheit komplizierte Präzisionsmusik. Jeder Refrain muss sitzen, keine Euphoriespritze darf daneben gehen. Ein Song, der nicht wenigstens hintenrum zum Hit wird, ist verschenkt, und was nicht clever komponiert wurde, hat sowieso von Anfang an verloren. Hinter solchen Gedankengängen steht dann ein klimperndes Honky-Tonk-Klavier wie das aus "Morning tide", dem Opener und Titeltrack des Little-Ones-Debütalbums - oder gleich die "Bacardi feeling"-Abfahrt, die im insularen "Boracay" ihr hochprozentiges Unwesen treibt. Kleine Kniffe, kurze Schlenker, zur Not auch Richtung Philippinen. Die hohe Schule des Powerpop.

Perfektioniert wurde die im 21. Jahrhundert natürlich von Carl Newmans New Pornographers, und so ist es auch kein Wunder, dass "Morning tide" regelmäßig versucht, sich hinter deren Schwung, Finesse und allgemeine Unbesiegbarkeit zu klemmen. Gleichzeitig spielt hier aber auch eine Knuffigkeit mit, die nicht immer zum Besten der Songs ist - spätestens wenn "Like a spoke on a wheel" als Bewerbungsschreiben für die weiterhin vakante Grandaddy-Nachfolge eingereicht und jeder gesungene Vokal mit Längenzeichen versehen wird, geraten The Little Ones über ihren Lach- und Schunkelgeschichten kurz ins Schlittern. Das wiederum käme Newman nie in die Tüte.

Das Problem von "Morning tide" ist also nicht, dass es dem Niveau der Little-Ones-Debüt-EP "Sing song" allzu weit hinterherhinken würde. Vielmehr scheint diese Musik von vornherein für Mittel- und Kleinformate geschaffen: brillant bei knapper Dosierung, aber nicht ohne Ermüdungserscheinungen über die volle Distanz. "Everybody's up to something" kümmert sich nicht weiter darum; es bekommt mehr Zeit als der durchschnittliche Little-Ones-Song, lümmelt deshalb lange auf seinem Intro herum, zieht aber zusehends engere Kreise mit seinem wiederum kneipenreifen Klavier und wird schließlich sogar zum großen Kissenschlachtruf der Platte. "I heard the march of a million strong" - Torquil Campbell würde es "the soft revolution" nennen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Morning tide
  • Boracay
  • Everybody's up to something

Tracklist

  1. Morning tide
  2. Ordinary song
  3. Boracay
  4. All your modern boxes
  5. Tangerine visions
  6. Gregory's chant
  7. Everybody's up to something
  8. Waltz
  9. Rise & shine
  10. Like a spoke on a wheel
  11. Farm song

Gesamtspielzeit: 40:48 min.

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