31Knots - Worried well

31Knots- Worried well

Polyvinyl / Cargo
VÖ: 05.09.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Problemzonen-Workout

Dass sich 31Knots mit ihrer Postjazzgymnastik gerne auf die Suche nach dem überfordernden Ton begeben, hat sich mittlerweile ein wenig herumgesprochen. Beinahe in Vergessenheit geriet jedoch, dass Joe Haege nicht nur den tödlichen Akkord beherrscht, sondern stets auch die verblüffende Harmonie aus dem Handgelenk schütteln kann. Wenn er denn will. Auf "The days and nights of everything anywhere" hatte er zuletzt nicht so recht Lust dazu. Für das gut geschüttelte "Worried well" jedoch haben 31Knots ihre Tonfolgen wieder in weitgehend nachvollziehbare Bahnen gebracht.

Gleich die ersten paar Minuten von "Worried well" lassen einmal mehr ungewohnte Songwriting-Techniken erahnen. Der klatschende Männerchor "Baby of riots" hat nach 43 Sekunden schon ausgezählt und mündet im wohligen Gitarrenstapel von "Certificate", das um ein paar zusätzliche Ecken herum gebaut wird. Der Song erinnert sich zwischendurch an die Handclaps, verarbeitet gleich mehrere Hymnenreste, ohne sich mit so etwas simplem wie einem echten Refrain abzugeben, und fließt an aufmunternden Bläsern vorbei in ein Klavierpfützchen. Wenn dann in "The breaks" unsauber verlegte Analogelektronik gegen den typischen Zickzackgroove angelaufen ist und der erste Chorus von "Worried well" sich mit Instantklebstoff im Merkzentrum festgesetzt hat, sind noch keine fünf Minuten herum.

Dass in diesem Zeitraum auf einer Platte von 31Knots mehr passiert als in jeder aktuellen Indieclub-TopTen, ist Ehrensache. Also lassen Haege, Tieftöner Jay Winebrenner und Taktverbieger Jay Pellici auch im weiteren Verlauf von "Worried well" Piratengesänge, Techno-Fragmente, Pseudo-R'n'B, Postcore-Breaks, New-Wave-Gesten, No-Wave-Lärm und Popschmiere durcheinander purzeln. Denn passend zu seinem mit Hypochondrie-Bezug daherkommenden Titel diagnostiziert sich das Album seine Hyperaktivität selbst. Wenn das dramatische Geklimper in "Something up there this way comes" seinen Groove gefunden hat, wechselt es noch ein paar Mal die Haut. Das Beinahe-Titelstück "Worried but not well" schreddert alle verfügbaren Saiten mit hubschraubernder Unruhe und wechselt doch in sehnsüchtige Harmonie, die nicht mal ein wenig Bluesrock-Drama verabscheut.

Dass das schillernde Durcheinander nicht vom Songgeschehen ablenkt, ist wie schon auf der famosen EP "The curse of the longest day" und "Talk like blood" die große Kunst von 31Knots. "Strange kicks" taumelt mit einem Klavier im Arm an aufgerissenen Verstärkern und rostigen Wellblechtrommeln vorbei. Das Wabern von "Statistics and the heart of man" gemahnt an die Überambition von Pink Floyd und wird dann doch gegen ein Postcore-Riff gespült. "Compass commands" lässt ein paar Ladys das große Prinzip "Kill or be killed" flöten und verliert dazu ganz sortiert seinen Verstand. Zappa trifft Kafka - und erkennt ihn nicht wieder. Die einzelnen Zahnräder mögen in Form und Größe völlig konfus konstruiert sein, doch an ihrer Funktion gibt es keinen Zweifel: Wie bei einem komplizierten 3D-Puzzle, das dann umso logischer wird, je länger man es betrachtet, greift hier ein Stückchen ins nächste. Weil 31Knots aber keine statischen Bilder bauen, ist auf "Worried well" alles in Bewegung. Jeder abseitige Nebenhandlungsstrang bereitet den Blick doch schon auf die übernächste Perspektive vor. Das kann und soll auch mal schmerzen. Doch wie bei Gesinnungsgenossen wie Les Savy Fav, den verblichenen The Dismemberment Plan und den jüngst reaktivierten Faraquet ist die Anstrengung kein plumpes Muskelspiel. Das raffinierte Zirkeltraining von 31Knots fordert eine ganz andere Problemzone heraus: das Gehirn.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Certificate
  • Something up there this way comes
  • Strange kicks
  • Worried but not well

Tracklist

  1. Baby of riots
  2. Certificate
  3. The breaks
  4. Something up there this way comes
  5. Take away the landscape
  6. Strange kicks
  7. Opaque
  8. Worried but not well
  9. Compass commands
  10. Statistics and the heart of man
  11. Upping the mandate
  12. Between 1 & 2

Gesamtspielzeit: 43:38 min.

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The MACHINA of God

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Registriert seit 07.06.2013

2018-10-12 19:11:56 Uhr
Vielleicht ihr bestes.
The MACHINA of God
2011-02-01 21:27:02 Uhr
Mehr Beachtung!
Cocoon
2008-10-28 22:23:24 Uhr
Absolut! Ein wahnsinniges Konzert gestern abend. Freu mich jetzt schon aufs nächste Mal.
mm
2008-10-28 10:25:54 Uhr
mann, gestern ein unglaublich tolles Konzert der Band in Dresden gesehen. und Eintritt sogar frei. ... bin noch ganz hin und weg. und da es das letzte Europa-Konzert war, konnte ich sogar die am Ende ins Publikum geworfene Army-Mütze ergattern.. schweißgetränkt aber glücklich..
toolshed
2008-10-05 16:52:12 Uhr
Mann, ist die toll. Mit der Rezension gehe ich auch konform, selbst bei den Highlights. Oliver Ding hat nämlich genau meine Favoriten hervorgehoben. Ein "Certificate" ist zb. so unwiderstehlich.
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