Sybris - Into the trees

Sybris- Into the trees

BB*Island / Absolutely Kosher / Cargo
VÖ: 22.08.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kummer cum laude

Eins gleich vorweg: Wer die Musik von Sybris als Post-Rock katalogisiert, der nickt auch in tiefster Nacht seinem eigenen Schatten zu. Überall steht es dennoch zu lesen: Das zweite Album der vier Chicagoer präsentiere Post-Rock der anderen Sorte, einen, der kaum etwas mit den üblichen Verdächtigen zu tun habe und sich vielmehr nach Indie und Shoegaze anhöre. Tja, und irgendwie muss man da schon mitnicken. Ein Post-Rock, der gar keiner ist, dafür aber ganz was Anderes: Ein Prosit der semantischen Selbstaufhebung.

Dass "so was wie" Indie oder gar Riot Grrrl - das dritte Standbein sybrisscher Bollerwilligkeit, das nicht nur durch Gitarristin/Sängerin Angela Mullenhour repräsentiert wird - heutzutage keinen Fusselbartträger mehr hinterm Röhrenverstärker vorlockt, ist natürlich der Grund für solch eine Klassifizierungs-Chimäre. Nötig haben Sybris all das hingegen nicht. Denn sie zeigen sich in Sound, Songwriting und, ja, Genrezugehörigkeit selbstbewusst, eigenwillig und harmonieverliebt genug, um auf den eigenen Umlaufbahnen zu surfen. "Into the trees" präsentiert dreizehn hoch aufgeladene Epen in mal über, mal unter drei Minuten. Da wird verdichtet bis zum Äußersten - und bis nur noch ein pures Destillat übrig bleibt.

So etwa bei "The Mary", das all seine Energie zwischen ein resolutes Laut und Leise presst und genau diesen Druck nutzt, um sich an allen Formaten vorbeizudrücken. Mullenhours Gesang reißt dabei die Zickigkeiten und das gehetzte Timbre des Riot-Grrrl-Punk lediglich soweit an, dass in die sonst vorherrschende PJ-Harvey-Depression ein wenig Farbe einzieht. Milde und Tobsucht wechseln sich hier ebenso ab wie in der Musik ihrer Mitstreiter - denn auch die lassen ihre melancholischen Rock-Dramaturgien stets mit einem Bein in einem Tümpel aus zu knarzig, zu wild oder zu behutsam aufziehenden Frequenzen versickern. Genau so aber entsteht eine Kraft und Ungeduld in den Songs, die sich postwendend am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zieht. Genau das, was diese Musik ausdrücken will, das dicke "Jetzt erst recht" beim Brunnenfall, hilft ihr auch bei Selbsterkenntnis und Spontanremission. Ein doppelter Boden, der ohne Schmiertragödiantentum hinhauen muss, damit sich etwas derart Großes ergeben kann, wie auf "Into the trees".

In der Tat: Ohne Kopfnicken und Fäusteschütteln kommen gerade mal die Akustik-Miniatur "Hurt hawk" und das sich nach all der Schufterei schachmatt zum Schafott schleppende Schlussgebet "The beach is where the ocean goes to die" davon. Ansonsten aber treten die Gitarrendelays und -hallschwellkörper mit bleischweren Arbeitsstiefeln unablässig auf das Verzerrerpedal, zieht das Schlagzeug in doppelter Geschwindigkeit am Strophentakt vorbei und dreht Mullenhour das Knöpfchen ihres Man(n)ometers in aller gebotenen Ruhe auf fünf vor Aileen Wuornos. Songs wie "Saint Veronica" oder "Nap king" wummern und knattern lieber, wo sie sich auch popularisieren könnten. Schlachten aus, wo sich Hyperaktivität erwarten ließe. Dennoch sitzt bei ihnen, ebenso wie bei "Gin divides us" oder "Burnout babies", stets alles am genau rechten Fleck. Die Kieferbruch-Gitarrenwand, der schlingernde Strophenmarathon, der erlösende Refrain und das monolithische Gesamtbild: Sybris spielen kathartische Oden an das Leben und die Dinge, die es nicht eben leichter machen. Sie nehmen sich das Altbekannte und machen das Beste daraus. Ein Prae-Post-Ante- oder einfach: echt hymnischer Kummer-Rock. Wer's braucht, wird selig.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Safety city
  • Burnout babies
  • The Mary
  • Gin divides us
  • Saint Veronica

Tracklist

  1. The beach (Intro)
  2. Oh man!
  3. Safety city
  4. Got nothing
  5. Burnout babies
  6. Something about a dark horse or whatever
  7. The Mary
  8. Hurt hawk
  9. Gin divides us
  10. Mad king
  11. Old tyme e
  12. Saint Veronica
  13. The beach is where the ocean goes to die

Gesamtspielzeit: 40:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
demian
2010-01-30 00:12:59 Uhr
Gerade wieder rausgepackt. Haut noch immer so rein.
Sträflich unbeachtet, das Album.
Dazer
2008-09-15 11:07:20 Uhr
2 sachen stören mich bezüglich sybris: warum muss die sängerin immer so herumknödeln und jaulen? und zweitens, warum gibt's das album nicht auf vinyl?
schade, denn songs wie 'gin divides us' und 'oh man' sind dermaßen fantastisch, dass es mich aus den socken haut. dazu kommt die vermutlich beste produktion des jahres...album wird wohl trotzdem zugelegt...wenn ich mich dazu überwinden kann meinen cd-player zu entstauben...
Dazer
2008-08-21 15:03:48 Uhr
'gin divides us' ist sooo großartig! warum erscheinen solche platten immer dann, wenn ich gerade erst platten geordert habe?
dorsch
2008-08-21 12:26:51 Uhr
yeah yeah yeahs in nervig? also bitte...ned nur das myspace zeug is toll, sondern auch über die komplette album länge! Könnte sich sogar noch steigern...wenngleich die bss referenzen fehlen
Rums
2008-08-21 11:00:42 Uhr
Find eher wie die yeah yeah yeahs in nervig ... Nie im Leben 8 Punkte
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