Pete Greenwood - Sirens

Pete Greenwood- Sirens

Heavenly / Cooperative / Universal
VÖ: 29.08.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Feines Holz

Willkommen in Pete Greenwoods Fotoalbum: Da steht er in Second-Hand-Jackett und First-Class-Nick-Drake-Pose (Arme verschränkt, maximal 67% Körperspannung), mit schlaflosem, milchglasigem Blick, wirrer Bettfrisur und einer Gesichtsfarbe, die der Bezeichnung Farbe nur sehr zögerlich gerecht zu werden versucht. Hier trägt er eine gigantische Sonnenbrille, da auch und dort erst! Ein Schelm, wer Kifferkaninchenaugen dahinter vermutet. Umblättern. Greenwood überraschend vital auf der Bühne mit Mojave 3, die er eine Saison lang als Livegitarrist begleitete und mit deren Drummer Ian McCutcheon er in der dreamy Surf-Pop-Band The Loose Salute musiziert. Noch mal umblättern. Greenwood in Joshua Tree, natürlich wegen Gram Parsons. Daneben: Greenwood am Grab von Nick Drake, natürlich wegen Nick Drake. Der einigermaßen sensible Leser macht sich spätestens an dieser Stelle Sorgen um das seelische Befinden des jungen Künstlers. Aber man darf beruhigt sein, denn dieser hat zumindest in einer Hinsicht schon jetzt mehr erreicht als seine beiden Heroen: Er ist 27 geworden.

Greenwoods Songs hingegen, zehn davon - plus zwei Instrumentalfragmente - hält sein Debütalbum "Sirens" parat, sind so alterslos wie Ivana Trump. Nur ist an ihnen alles echt. Produzent Sean Read hat während der Aufnahmen vermutlich ein gutes Buch gelesen oder neue Gründe für gigantische Sonnenbrillen besorgt. Regler geschoben und Knöpfchen gedreht hat er jedenfalls nicht. Der Sound ist so naturbelassen wie unprätentiös und trotzdem bestechend klar, wunderbar warm und außerordentlich präzise. Man kann sich vorstellen wie es ist, wenn Greenwood am Lagerfeuer sitzt und klampft und keiner mampft sein Stockbrot, weil die Zähne unmöglich kauen können, wenn die Ohren etwas so Schönes zu hören bekommen. Tatsächlich könnte jedes dieser Lieder einfach so in freier Wildbahn dargeboten werden. Greenwood würde mit zwei, drei routinierten Handgriffen eine Gitarre aus dem Unterholz schnitzen, und dann würde seine Stimme aus ihrer lieblich bemoosten Höhle schlendern und so klingen, als dürfte die Waschbärenfamilie nebenan nicht geweckt werden.

Es war übrigens ein Kurs an der Londoner Goldsmiths University, die den Songschreiber in Greenwood weckte - und zwar eher unsanft. Während jener nämlich davon ausging, das Komponieren von Filmscores und Orchesterarrangements zu erlernen, brachte bereits die erste Hausaufgabe Ernüchterung, welche spontan in Panik umschlug: Zwei Lieder mit allem Drumunddran sollten innerhalb einer Woche geschrieben und dann auch noch vor der Klasse präsentiert werden. Aber Ihr ahnt, wie es ausging: Greenwood komponierte naturtalentiert alle an die Wand - mit "Any given day", einer zauberhaft mühelos vor sich hinfließenden Fingerpicking-Gala, und mit der Americana-Hetzjagd "Bats over Barstow", die sich dem ambitionierten Vorhaben widmet, Hunter S. Thompsons "Fear and loathing in Las Vegas" auf drei Minuten zu kondensieren.

Sich kurz fassen gehört ohnehin zu Greenwoods zahlreichen Stärken: Gut die Hälfte der Songs auf "Sirens" braucht weniger als drei Minuten, um auf den Punkt zu kommen. Die beiden Instrumentals, pragmatisch "A" und "B" betitelt, kommen allerdings noch nicht einmal dazu, ein Komma zu setzen - denn sie sind bereits nach weniger als 60 Sekunden vorbei und hinterlassen die dringliche Frage, welche Rolle der Künstler ihnen bloß im Albumkontext zugedacht hat. Weitere Unklarheiten gibt es keine, dafür hier ein bisschen Pedal Steel, da ein wenig Klavier, dort ein paar dezent platzierte Streicher. Und drei deutliche Höhepunkte, die allesamt nur mit Akustikgitarren-Begleitung auskommen und hinreißend bittersüße Lyrik präsentieren: "I used to be in a band" mit seiner wunderschönen Nuschelmelodie, "Heavy Eva" mit ihrem zentnerschweren Liebeskummer und vor allem "Negotiations and last words" - die rührende Geschichte eines Lebensmüden, der sich am Ende dann doch noch beim lieben Gott eine Chance zum Neustart erbittet. Die braucht Greenwood wohl kaum.

(Ina Simone Mautz)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Negotiations and last words
  • I used to be in a band
  • Heavy Eva

Tracklist

  1. Sirens
  2. Negotiations and last words
  3. I used to be in a band
  4. Any given day
  5. Wine and rye
  6. A
  7. B
  8. Bats over Barstow
  9. Heavy Eva
  10. The bitter end
  11. For a girl like mine
  12. Penny Dreadful

Gesamtspielzeit: 31:19 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Pablo Diablo
2008-08-23 11:31:52 Uhr
Gefällt mir.
Ina Simone Mautz
2008-08-23 11:08:08 Uhr
Mensch Leute, hört Euch diesen jungen Musikus doch bitte mal an:

klick!

Ich empfehle "Negotiations and last words".

Die Nick-Drake-Jugend lässt grüßen...
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum