Randy Newman - Harps and angels

Randy Newman- Harps and angels

Nonesuch / Warner
VÖ: 08.08.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der junge alte Mann und das Klavier

Anfängliche Verwirrung: Da musste man neun Jahre auf ein neues Album des guten alten Jungen, Randy Newman, warten und wird zunächst irritiert sein, dass der Albumtitel "Harps and angels" und das Coverbild so gar nicht zueinander passen. Denn es zeigt den konzentrierten Protagonisten im Anzug an einem braunen Klavier vor einer artifiziellen und überstrahlten Landschaft. Vielleicht in Erwartung von Engeln? Und im Booklet steht das gleiche Klavier vor einem Hot Dog Laden. Das bedeutet, es hat sich auf dem ersten Blick zu den glorreichen 1970ern mit "Sail away" und "Good old boys" nicht viel verändert. Grauer und älter ist der mittlerweile 64-jährige Newman geworden, aber immer noch latent zynisch und bissig wie einst. War der Song "Mr. President (Have pity on the working man)" auf "Good old boys" 1974 gegen Richard Nixon gerichtet, so ist "Harps und angels" ein kleiner Feldzug gegen Bushs Amerika.

Newmans Hingabe ist sowohl musikalisch als auch textlich beeindruckend. Er bleibt seinen Prinzipien treu wie der alte Santiago in Hemingways "Der alte Mann und das Meer", ist genauso von Baseball begeistert und lässt sich selbst davon nicht abschrecken, dass die renommierte New York Times bei der Veröffentlichung des Textes zur digitalen Vorabsingle "A few words in defense of our country" eine Textzeile über den amerikanischen Supreme Court zensierte und nicht abdruckte. Besagte Zeile: "That this Supreme Court is going to outlive me", bezeugt die Angst, dass die von Bush auf Lebenszeit eingesetzten Richter des us-amerikanischen höchsten Gerichts den ehrlichen und hart arbeitenden Newman überleben werden. Das Ganze kommt jedoch leicht und lapidar daher und wird, wie die übrigen Stücke, von Newmans Orchester kongenial begleitet.

Zum Auftakt von "Harps and angels" ist das Klavier im gleichnamigen Ragtime zwar sofort präsent und dominant, Geigen, Flöten und das gesamte Orchester sind im Verlaufe des Albums aber conditiones sine quibus non. Sie verleihen dem Album erst seinen unnachahmlichen Charme und genussvolle Abgänge. Der kürzeste und wohl expressivste Song "Laugh and be happy", ein kleiner Charleston, ist ein Paradebeispiel für das harmonische Zusammenwirken von Newman und seinem Orchester. Er steckt zugleich den inhaltlichen Rahmen zwischen ernsthaftem, sozialkritischem Kommentar und feuchtfröhlichem Gesellschaftstanz ab. Das bissige "A piece of the pie" setzt die Party hingegen aus, ist vielmehr eine feine Hommage an Jackson Browne und dessen soziales Gewissen. Sein Name erweist sich nebenbei als entschieden eingängige Hookline.

Die letzten amerikanischen Patrioten sind demzufolge noch nicht ausgestorben, der letzte und endgültige amerikanische Traum noch nicht ausgeträumt. Mit der nächsten Präsidentschaftswahl ändert sich möglicherweise alles. Bis dahin bleibt nur der Rückgriff auf dieses meisterliche Alterswerk, dessen Dynamik und Aufrichtigkeit man sich von einigen jungen aufstrebenden Künstlern wünschen würde. Es schließt mit der zurückgezogenen Ballade "Feels like home", die noch einmal Newmans Klavier in den Vordergrund rückt und Halt im Vertrauten sucht und findet. Es gibt immer ein Licht, das nicht ausgeht: "And a siren wails in the night / But that's alright 'cause I have you here with me / And I can almost see / Through the dark there's a light." Sincerely, Randy Newman.

(Carsten Rehbein)

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Highlights

  • Harps and angels
  • Laugh and be happy
  • A piece of the pie

Tracklist

  1. Harps and angels
  2. Losing you
  3. Laugh and be happy
  4. A few words in defense of our country
  5. A piece of the pie
  6. Easy street
  7. Korean parents
  8. Only a girl
  9. Potholes
  10. Feels like home

Gesamtspielzeit: 34:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
nikodemus
2008-08-13 21:04:32 Uhr
Es freut mich sehr das zu hören - wirklich phantastisch!
Dän
2008-08-13 20:44:54 Uhr
@Nail: Da hat mir Deine Büttenreden-Theorie dann doch besser gefallen.
BrockLanders
2008-08-13 19:24:28 Uhr
@Linkslinker: HAMMER!!!! ICh weine immer noch.

five times!
nail 75
2008-08-13 18:24:44 Uhr
"A Piece Of The Pie" - die Mär vom amerikanischen Traum, wo es jeder schaffen kann, der nur fleißig arbeitet, ist auf dem allerneuesten Stand: so kann man das heutzutage hören. Doch sind solche Aktualitäten auf dieser Platte selten. Sie wird beherrscht von einer merkwürdigen Altmodischkeit. "A Few Words in Defense Of Our Country" greift wieder mal George Bush an. Wenn Randy Newman, der Meister-Provokateur , auch Kritik übt an "der schlechtesten Regierung in der US-Geschichte", so führt er doch ein "Leben in Amerika" wie ein Schulmeister im 19. Jahrhundert. Außerdem steckt die Platte voller Anklänge an Tom Waits´ Musik. Randy Newman doziert über "die überlegenen Erziehungsmethoden koreanischer Eltern", über "Hitler, Stalin und König Leopold", über den "Gratis-Patriotismus von Oppositionellen", über "Grapscher" und das "Paradies" - es ist der brisante Kitsch von vorgestern. In 10 Songs enthüllt Newman eine Null, die von Anfang an als Null zu erkennen ist: 30 Minuten lang tritt sie sich selber platt.

Die erstaunliche Harmlosigkeit wird von den albernen Orchester-Arrangements noch betont. Randy Newman hat ein Possenspiel inszeniert: Newmans Giftigkeit wird zur puren Lust. Sie macht dem Hörer Laune; er lacht die Protagonisten der "Satire" vergnügt aus.

Wertung: 6/10
Linkslinker Gutmensch
2008-08-13 11:26:01 Uhr
Da fällt mir immer Das hier ein.
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