Gotye - Like drawing blood

Gotye- Like drawing blood

Pinnacle / Rough Trade
VÖ: 22.08.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Traumzeittänzer

All zu viele Belgier leben nicht in Australien. Noch weniger von ihnen machen Musik. Und bevor jemand namens Wouter DeBacker mit "Like drawing blood" dann sogar die Auszeichnung als Album des Jahres der australischen Independent-Labels abstauben konnte, musste er sich denn auch ein dezent besser aussprechbares Pseudonym zulegen. Gotye soll analog zum französischen "Gaultier" ausgesprochen werden, weil das deren Variante von DeBackers Vornamen ist und mal sein Spitzname war. Was solche Lautverschiebungen möglicherweise mit australischen Zungen anstellen, ist nicht überliefert. Viel interessanter ist doch ohnehin die Musik, die down under so für Furore sorgen konnte.

Den nervösen Beginn markiert "The only way", das sich an die Devise erinnert, dass Klappern eben zum Handwerk gehört. Wer Gotye leichtfertig mit Beck vergleichen möchte, darf das hier gerne tun. Nach einer solch verwegenen Sehnsucht, wie sie sich in dem um einen Harry-Belafonte-Schnipsel herum gewachsenen "Hearts a mess" ausbreitet, sucht der Scientologe aber schon ein paar Samples lang. Die emotionale Kulmination in den Zeilen "It makes no sense / But I am desperate to connect / And you can't live like this" stellt die Nackenhaare auf, und das faszinierende Video des Songs unterstreicht das innewohnende Rätsel.

Wie Gotye nach Klangbildern und Wellenformen sucht, erinnert an die Suche der Aborigines. Trotzdem bietet er dabei für westliche Ohren vertraute Bezugspunkte. Das retroselige "Learnalilgivinanlovin" verschmilzt die Emphase von Phil Spector mit dem Schwung des jungen Stevie Winwood. "Coming back" kennt sich mit lateinamerikanischer Leichtfüßigkeit aus. "The only thing I know" schubst Gitarre und knurrenden Bass in ein Rampenlicht, in dem man den schlaksigen Körper von Dave Gahan vermuten könnte. "Puzzle with a piece missing" und das verträumte "Seven hours with a backseat driver" knabbern ein paar nützliche Ecken von Reggae, Dub und New Wave ab, um es sich gemütlich zu machen. Hier und dort verstecken sich sanfte Elektronik und Andeutungen drittweltlicher Klänge, und die Flageolets des besänftigenden "Night drive" hätten bestimmt auch Peter Gabriel gut gefallen.

Man erkennt dabei ein gewisses Prinzip: Zunächst umspielt ein dezenter Detailreichtum das Gehör. Melancholie und Moll bestimmen die Arrangements. Die meist gemächlichen Grooves brechen irgendwann auf, um sich von Drum'n'Bass-Passagen und sonstigen Polyrhythmen andere Perspektiven aufzeigen zu lassen. Die Melodien winken nicht mit großen Gesten, sondern setzen sich subtiler im Bewusstsein fest. "Like drawing blood" arbeitet sich nicht an antrainierter Formelhaftigkeit ab, sondern lebt von seiner Verspieltheit. Hier erweitert sich das Innere des Songs, anstatt die äußeren Oberflächlichkeiten zu betonen. Die einzelne Note träumt die Melodie, wie der Samen in der Mythologie der Aborigines den Baum träumt. Dass ausgerechnet ein Belgier kommen musste, um die Traumzeit der australischen Ureinwohner in ein nachempfindbares Bild zu packen, könnte ein Missverständnis sein. Aber wenn bei dieser Gelegenheit so raffinierter, dunkler Pop entsteht wie auf Gotyes zweitem Album, ist es das allemal wert.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • The only way
  • Hearts a mess
  • Learnalilgivinanlovin
  • Night drive

Tracklist

  1. Like drawing blood
  2. The only way
  3. Hearts a mess
  4. Coming back
  5. Thanks for your time
  6. Learnalilgivinandlovin
  7. Puzzle with a piece missing
  8. Seven hours with a backseat driver
  9. The only thing I know
  10. Night drive
  11. Worn out blues

Gesamtspielzeit: 47:45 min.

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