The Dodos - Visiter

The Dodos- Visiter

Wichita / Cooperative / Universal
VÖ: 01.08.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Heavy metal drummer

Wie sie den leeren und weitreichenden Raum mit spärlichen Mitteln und Mut zur Lücke ausgestalten und ihrer Hörerschaft doch das Gefühl vermitteln, von einem eng angelegten Rhythmuskorsett gefangen zu sein und von diesem in den Rausch getrieben werden: Das ist das Faszinierende an der Kompositionskunst der amerikanischen Band The Dodos. Man lausche ihrem innerlich brodelnden Meisterstück "Paint the rust" und dem startenden Auf und Ab einer simplen Melodienfolge der Akustischen, die nur von einem scheppernden Schellenkranz begleitet wird. Hinzu gesellt sich Logan Kroeber, der im erschütternden Donnerschlag auf seine Drums eindrischt und doch um Feinheiten bemüht ist. Er agiert weder abseitig, hintergründig noch taktangebend, sondern lautstark und perkussiv und entlarvt sich mit Nachdruck als Inhaber der zweiten, gleichberechtigten Hauptrolle bei den Dodos. Auf Albumlänge, versteht sich.

Es folgt der Auftritt des vermeintlichen Hauptakteurs, der Klarheit schafft und leichte Strukturen mit sich bringt: Meric Long mit seinem jungenhaften Sangesorgan, das von Ziel- und Orientierungslosigkeit, persönlichen Unzulänglichkeiten, Ausbruch und Flucht singt. Und wie die lyrischen Tiefen Schwankungen und Einbrüche erleiden, nimmt auch das in sich selbst versunkene, aber ekstatisch anklingende, minimalistische Mantra seinen zerklüfteten Weg über die plötzlich ertönende Urgewalt eines Rockabilly-Country-Blues-Umschwungs. Nach nötiger Aggressionsbewältigung kehrt man zurück zum Ausgangspunkt, der geprägt ist von einem innovativen, ebenso psychdelischen wie polyrhythmischen LoFi-Post-Rock, eng verbunden mit urbanem Folk der Neuzeit.

Ein Zwei-Mann-Projekt also. Gefunden haben sich die beiden Musiker in San Francisco, wo der eine (Long) vormals erfolgloses, elektronisch verfrickeltes Solo-Songwriting betrieb und der andere (Kroeber) Drummer einer progressiven Metalband war. Hörbare Gegensätze, die sich auf "Visiter" magisch anziehen und beste Ergebnisse erzielen. Wie in "Fools", das mit seinen euphorischen "Oho-Oho-Oho-Ohoho"-Ausrufen dem treibenden LoFi-Konstrukt ein hymnisches Schnippchen schlägt, um dann später metallener Distortion zu weichen. Oder im melancholischen "Joe's waltz", der zum Ende kein Halten mehr kennt und feurig-heulend mit diabolischem Fingerpicking untergeht.

"Visiter" und der damit verbundene Rausch funktionieren nicht auf Rezept. Zuhörer auf der Suche nach Freiräumen, die der selbstbestimmten Entfaltung dienen, werden mit Sicherheit fündig werden. Verwöhnte Breitwandgenießer, denen jedes Bild in voller Pracht und Blüte vorgezeichnet werden muss, so dass nach kurzem Schnuppern gleich die ganze Show offenbar wird, droht Gefahr, dass sie die genauso offen gelassenen wie zerschossenen Löcher in Eigenarbeit nicht stopfen können. Songtitel wie "Paint the rust" sind eben nicht als autobiographischer Verweis auf die hintergründige Geschichte des Tracks zu verstehen, sondern mehr als Aufruf an den Zuhörer, mit seinen Assoziationen die bewusst eintönigen Freiräume zu füllen. Funktioniert hat das nicht nur mit dem wohl atemberaubendsten Stück auf "Visiter", sondern auch mit den vielen anderen Songschöpfungen dieses bemerkenswerten, voller Leben steckenden Albums. Farbkompositionen, die die Welt noch nicht kennt, erstrahlen nachweislich auf dem kleinen Fleckchen Rostbraun des Rezensenten.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Fools
  • Joe's waltz
  • Paint the rust
  • God?

Tracklist

  1. Walking
  2. Red and purple
  3. Eyelids
  4. Fools
  5. Joe's waltz
  6. Winter
  7. It's that time again
  8. Paint the rust
  9. Park song
  10. Jody
  11. Ashley
  12. The season
  13. Undeclared
  14. God?

Gesamtspielzeit: 59:23 min.

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User Beitrag
koe
2010-01-11 14:14:26 Uhr
die muessen auch mal wieder ins spiel gebracht werden:
http://liveweb.arte.tv/de/video/Soiree_de_poche___The_Dodos/

Faengt grossartig an, und das ende mit der impro ist auch richtig toll. Ich find seine Art Gitarre zu spiele einfach nur bewundernswert. Grosse klasse.
Deaf
2008-11-27 13:37:54 Uhr
Habe mir das Debut "Beware Of The Maniacs" vorhin mal durchgehört. Ist insgesamt etwas ruhiger und weniger grossartig als "Visiter", hat aber auch ein paar tolle Songs dabei, die ähnlich gut sind.
Pascal
2008-11-27 13:29:21 Uhr
Ja, genau genommen gibt es sogar drei Alben, zählt man das im Alleingang entstandene Dodobird-Werk hinzu.

Und ja, lohnen sich auch alle. In einige Songs ihrer vorherigen Platten kann man auch auf ihrer Homepage reinhören.
Deaf
2008-11-27 10:32:41 Uhr
Bisher hat kein Mensch erwähnt, dass die 2006 bereits ein Album rausgebracht haben. Habe es gerade erst bemerkt... Kennt es jemand?
Deaf
2008-09-01 08:16:12 Uhr
Hinter den Fleet Foxes das bisher beste Album des Jahres für mich.

Neben den in der Rezi genannten Highlights mag ich vor allem "Red and purple" und "Ashley".
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