Jan Böttcher - Vom anderen Ende des Flures

Jan Böttcher- Vom anderen Ende des Flures

Kook / Broken Silence
VÖ: 18.07.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Der Mental-Bodybuilder

Aufregung nimmt keinen großen Platz im Leben von Jan Böttcher ein. Benimmt der sich schließlich, als wären Fast-Food, 100-Meter-Sprint und Dampfplauderköngin Gülcan nie erfunden worden. Mit bestechender Beiläufigkeit erzählt sich die Geschichte vom ersten Songwriter-Solowerk des Sängers der Berliner Küchenpoeten Herr Nilsson. Erwähnt sei eben noch kurz, dass der erdige Niedersachse die fünf Jahre seit der letzten Band-Veröffentlichung mit dem Schreiben von Büchern und Einsacken von Literaturpreisen verbracht hat - und schon steht man allein mit der stillen Schönheit von "Vom anderen Ende des Flures". Kein Hype, kein Glamour, im Gegenteil sogar ein Habitus knapp unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.

Derart leise und unprätentiös gebärdet sich auch "Ohne Titel", eine erste zarte Gitarren-Miniatur, die in ihrer melancholischen Alltagsglückseligkeit tatsächlich nirgendwo recht hingehören will. In "Die frühen Verluste" zeigt sich parallel zum anwachsenden Instrumentarium der Erzähler Jan Böttcher, bevor in "Stillgelegte Gleise" wieder der Sänger das Vergängliche im Zwischenmenschlichen wachruft: "Stillgelegte Gleise / Mit unseren alten Waggons / Unbewegt und leise / Gleiten sie in mich zurück und mit mir davon". Böttchers Stärke ist die genaue Beobachtung, die er in einer reichen Bildsprache umsetzt und die den Hörer in ihrer Nachdenklichkeit und ihrem Feingefühl auf sich zurückwirft und in die Reflexion drängt.

Im Gegensatz zu Tocotronic, Element of Crime oder Blumfeld trägt Böttcher seine Lieder dabei mit feinerer Stimme und ohne Bitterkeit oder Ironie vor, zeigt auf und stellt nur sanft in Frage. Die kontrastierenden, deutlicheren Töne schlagen lediglich der phänomenale Sexbranchenrüffel "Galeerenporno" und die subtil anklagende Ex-Freund-Geschichte "Beruflich in der Stadt" an. Letztere demonstriert einmal mehr, wie Böttcher in seinen angejazzten Songwriternummern immer wieder spannende Schlusspunkte setzt, wenn der finale Gesang den Fiesling endgültig entlarvt. In der Mitte von romantischer Verklärung und sprödem Welternst entsteht bei Böttcher die bodenständige Poesie, die im einen Moment mit "Fuck" und "Geh kacken" die eigene Idylle stört, um im Anschluss das Wort Schönheit theatralisch im Falsett zu dehnen.

Am Ende ist die Auseinandersetzung mit "Wellness" als Ausklang so verdächtig süß, so verräterisch wunderschön, dass der doppelte Boden überdeutlich durchscheint. "Von der anderen Seite des Flures" ist ein kritisches Album, wenngleich es kein Sendungsbewusstsein mitbringt. Vor allem aber ist es ein ruhiges Album, das nicht schreien und toben muss, weil es ohnehin die besseren Argumente hat. Es scheint zu stimmen: In der Ruhe liegt die Kraft. Wenn dem so ist, dürfte Jan Böttcher bei der nächsten Wahl zum Mister Universum heißer Favorit sein.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Die frühen Verluste
  • Jünger waren
  • Galeerenporno

Tracklist

  1. Ohne Titel
  2. Die frühen Verluste
  3. Stillgelegte Gleise
  4. Bed & Breakfast
  5. Jünger waren
  6. Mein Tag
  7. Galeerenporno
  8. Paradies
  9. Die Vielfalt
  10. Kommando Kassandra
  11. Tralfamadore
  12. Beruflich in der Stadt
  13. Wellness

Gesamtspielzeit: 45:28 min.

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