Tricky - Knowle West boy

Tricky- Knowle West boy

Domino / Indigo
VÖ: 04.07.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vorwärts in die Vergangenheit

Was kann es Schöneres geben, als wieder Kind zu werden? Eine Frage, die sich Tricky aka Adrian Thaws vor diesem Album auch gestellt hat. Die Antwort ist "Knowle West boy", die Erinnerung an den jungen Tricky im gleichnamigen Bristoler Armenviertel, in dem Schwarze und Weiße friedlich zusammenlebten, da sie das gleiche soziale Schicksal teilten: Armut verbindet. Der 40-jährige Tricky rupft hier nun an den Wurzeln seiner eigenen Kindheit und Jugend und verpflanzt diese in eine schöne neue digitale Welt. Er hält wie fast immer im Großen und Ganzen Äquidistanz zu den Two Tones: Schwarz und weiß sind die Rahmenbedingungen, der "Knowle West boy" liefert etliche spannende Zwischentöne und skizziert mehr als nur schlichte Varianten von Grau. Ganz so wie einst, als alles begann.

Vor 13 Jahren schlug Trickys Debüt "Maxinquaye" zwischen Portishead und Massive Attack ein und offenbarte eine dunkle, atemberaubende Vision, die herrlich als tiefgründiges und subtiles Antidot zum oberflächlichen und aufgeblasenen Britpop fungierte. Danach folgten Evolution und Revolution, doch auf besonders viel Gegenliebe stießen die anschließenden Werke nicht mehr. Das ordentlich knarzige "Vulnerable" polterte schnurstracks an der Öffentlichkeit vorbei. Mit "Knowle West boy" könnte das anders werden. Klar: Das hier ist fragmentarisch und ziellos, aber wenn sich ein Regenschirm und eine Nähmaschine auf einem Seziertisch begegnen, ist Aufregung und Lampenfieber vorprogrammiert. Die Schönheit des Scheiterns ist allerdings nicht ausgeschlossen.

Die Aura entfaltet sich schnell, wenn Alex Mills den hervorragenden, pianogeladenen Bar-Blues von "Puppy toy" mit ihrer wundervollen Soulstimme begleitet. Im Abspann lässt sie die Worte "piss off" von sich, und das Kunstwerk scheint schon wieder zerstört zu sein. Das Dancehall beeinflusste "Bacative" rückt im Anschluss alles wieder zurecht und erhält auch erst durch den weiblichen Charme seine Präsenz. Ein spanisches Mädchen, das Tricky zufälligerweise irgendwo aufgegabelt hat, entschärft mit einer leicht verführerischen Stimme das Bedrohungspotential. Die Dominanz der Frauen auf "Knowle West boy" ist damit noch nicht beendet. Trickys Exfreundin Lubna bereichert mit ihrem warmen Ausdruck sowohl das triphoppige "Past mistake" als auch das sirenenhafte "School gates". Die bekannteste von Trickys Gespielinnen bleibt aber in absentia: Kylie Minogue. Sie dürfte aber recht zufrieden sein mit der rasanten Neuinterpretation von "Slow", das zwar nicht heraussticht, aber gefallen kann.

Enthielte "Knowle West boy" keine Ausfälle wie das oberflächliche Gestampfe von "C'mon baby", könnte es leicht und locker in der Hierarchie knapp hinter "Maxinquaye" rangieren. So bleibt nur zu hoffen, dass der Hörer das Ding durch den cutter jagt und die eher lästigen Stücke wegschneidet, um den beeindruckenden Rest zu genießen. Von nun an heißt es wieder, das Objektiv der Zukunft zuzuwenden und sie in der Totalen einzufangen. Vorerst rettet Tricky aus Knowle West seinen Mutterkomplex - wenn er die Damen sprechen lässt, geht der Blick zurück nach vorn. Die Zukunft bleibt dennoch ungewiss.

(Carsten Rehbein)

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Highlights

  • Puppy toy
  • Council estate
  • Past mistake

Tracklist

  1. Puppy toy
  2. Bacative
  3. Joseph
  4. Veronika
  5. C'mon baby
  6. Council estate
  7. Past mistake
  8. Coalition
  9. Cross to bear
  10. Slow
  11. Baligaga
  12. Far away
  13. School gates

Gesamtspielzeit: 46:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
John
2008-07-24 01:20:25 Uhr
Das Album ist der absolute Wahnsinn - hört euch mal "Coalition" - ich sag nur WAHNSINN!!!

Sehr geil...
afromme
2008-07-04 19:38:34 Uhr
Okay, durch das zweite muss man durch, das gebe ich zu. So einen komischen Rapper hat man das letzte Mal in Stings "Cowboy Song" gehört und seitdem nicht vermisst. Ansonsten aber anständig. Aktuell 7/10 mit Tendenz aufwärts.
Third Eye Surfer
2008-07-04 19:10:35 Uhr
Erstes Lied klang noch ganz angenehm, wenn auch nicht besonders. Zweites hat mich so sehr angenervt, dass ich keine Lust mehr drauf hatte.

Ich liebe ja die Angels With Dirty Faces, aber alles, was danach kam, kann man doch getrost in die Tonne kloppen.
afromme
2008-07-04 19:01:45 Uhr
Da ist was schiefgelaufen weil ich 3x den komischen Captcha-Code eingeben musste und dann jeweils Backslashes eingefügt wurden.

Hier als Service für die, die für Copy&Paste zu faul sind noch einmal der Link:
Siebendigitaljunge!
Mixtape
2008-07-04 18:50:13 Uhr
Leider funktioniert der Link nicht. Werde aber zumindest mal in die Coverversion von "Slow" reinhören.
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