Arbouretum / Pontiak - Kale

Arbouretum / Pontiak- Kale

Thrill Jockey / Rough Trade
VÖ: 20.06.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Mission accomplished

Was waren das für Zeiten, als Songs endlos dauerten, nach sieben Minuten neue Wendungen nahmen und auf dem Höhepunkt in ein langes Outro mündeten, das selbst ein weiteres Highlight darstellte. In den Siebzigern war das bei Yes und Renaissance die Normalität, ja ja… bis Punk alles wegfegte. Pontiak aus Baltimore und die befreundeten Kollaborateure Arbouretum transportieren diesen Stil auf der Split-LP "Kale" geradewegs zurück in die Zukunft des 21. Jahrhunderts. Sie verlassen sich hierbei nicht nur auf eigenes Soundmaterial, denn drei der sieben Tracks sind enigmatische Versionen des ehemaligen Velvet-Underground-Mitglieds John Cale. Aus heimlichen Klassikern der Siebziger Jahre wie "The endless plain of fortune" entstehen so zeitlose Klassiker der Moderne.

Alles glänzt im neuen Gewand. Und selbst wo gehobelt wird, werden die gefallenen Späne sofort wieder aufgesaugt. Der fast zehnminütige Auftakter "Time doesn't lie" beginnt als düsterer Wüstensound zwischen Queens Of The Stone Ages "Rated R" und Arbouretums letztem Meisterstück "Rites of uncovering" und verfließt nach vier Minuten in eine instrumentale Paranoia aus Gitarrenwirrwarr, Gitarrensoli und fuzzy Bässen. Die erzeugten Aggressionen werden stets gepflegt in halsbrecherische Achterbahnen gelenkt. Wahnwitzige Loops und Loopings, akrobatische Einlagen in engen Kurven und unfassbare U-Turns verwandeln das Werk in ein apokalyptisches Spektakel, bei dem das Ende wieder der Anfang ist

Das anschließende John-Cale-Cover "Buffalo ballet" ist der Kontrapunkt zum Auftakt. Ruhig und gemächlich, sanft und bluesig, aber ebenso apokalyptisch offenbart es die Perfektion des Caleschen Songwritings und die Verspieltheit der Arbouretumschen Klangkunst. Eine Textzeile wie "Then soldiers came, long long ago / Rode through the town and rode down those who were sleeping in the midday sun" symbolisiert dabei herzzerreißend das Spannungsverhältnis zwischen der Apathie der Zuschauer und der Agonie der Band wie der Banditen. Von der Aktualität dieses Zitats ist auch nichts verloren gegangen. Die sanftmütige Stimme Dave Heumanns ebnet sich dabei den Weg durch die spärlichen Rinnsale dieser dichten Klanglandschaften und findet endlich Halt in der Stille der Verzweiflung.

Die drei Carney-Brüder von Pontiak führen das Album auf etwas gleichförmigeren und ebeneren Bahnen zu einem glorreichen Finale, ohne dabei weniger obsessiv und enthusiastisch zu Werke zu gehen. "Green pool" ist eine Geisterfahrt, die nur eine Richtung kennt: schnurstracks rückwärts zum Ziel. Abgerundet wird das Oeuvre mit einer weiteren Hommage an John Cale. Bei "Mr. Wilson" spielen Entfernungen keine Rolle mehr, man ist sowieso im irdischen Nirwana angekommen: "And everytime I hear hear your music / You're still thousands of miles away." Und beim nächsten Mal bitte John Cale in Punkversionen.

(Carsten Rehbein)

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Highlights

  • Time doesn't lie
  • Mr. Wilson

Tracklist

  1. Time doesn't lie
  2. Buffalo ballet
  3. Flood of floods
  4. Dome under the sky
  5. The endless plain of fortune
  6. Green pool
  7. Mr. Wilson

Gesamtspielzeit: 41:38 min.

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