Thea Gilmore - Liejacker

Thea Gilmore- Liejacker

Fruitcake / Fulfill / SPV
VÖ: 27.06.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Schnullerersatz

Es ist eine immer lauernde Gefahr: Unmittelbar nachdem Songschreiberinnen die Freuden des Mutterwerdens erlebt haben, verwandelt sich ihre Musik in einlullenden Babybrei. Das, nahm sich Thea Gilmore vor, sollte ihr nicht passieren. Zu viel Kraft hatte sie in den Kampf mit ihrer Depression investiert, zu sehr hatte sich diese Therapiemöglichkeit für sie rentiert, als dass sie die geglückte Selbstquälerei mit mauen Wiegenliedern verschneiden wollte.

Was für ein Glück also, dass Gilmore sich nicht einmal von der Möglichkeit, mit prominenten Kollegen zusammen zu arbeiten, ihre Eigenwilligkeit hat nehmen lassen. Gleich die sanfte Schwere von "Old soul" hat das Gefühlsleben des Hörers am Wickel. Das Duett mit Zutons-Röhre Dave McCabe sucht Beistand und gibt mit weicher Gitarre und besänftigendem Cello doch schon selbst Halt. In reduzierten Momenten wie "And you shall know no other God but me" oder "Icarus wind" forscht sie nach Sinn, Vorbestimmungen und den Auswegen aus weltanschaulichen Einbahnstraßen. Da darf dann ein weites Klavier die optimistische Seite der Hoffnungslosigkeit aufzeigen, und in "The lower road", dem Duett mit der großen Joan Baez, sträuben sich zwei starke Frauen gegen das Schicksal. "For every midnight hour / There's always a rising sun."

Doch Gilmores Verse begnügen sich nie mit einfachen Blickwinkeln. Die hübsche "Rosie" hat ihre Haarbürste und die niedlichen roten Schuhe nur deshalb im Song versteckt, weil sie auf der Flucht ist und die Abschiedsnotiz irgendwo Platz finden musste. Auch wenn sich "Dance in New York" zusammen mit Folk-Kollegin Erin McKeown in friedvollere Zeiten träumt, ist Frieden in den Zeilen meist nur eine eher unwahrscheinliche Option. "It doesn't matter how much Nietzsche you have read / When a black box clicks or there's a barrel at your head."

Genau wie der spröde Vorgänger "Harpo's ghost" will sich auch "Liejacker" dazu nicht immer auf stilsichere Arrangements einlassen. Der mürrische Groove von "Black letter" weiß genauso viel von Soul und Blues wie Gilmores Stimme, das rustikale "When I come back to shore" wogt in Richtung Nashville, und "The wrong side" lässt sich von einem verdrehten Reggae die Hoffnung austreiben. Man könnte das mit Beliebigkeit verwechseln, wenn nicht Gilmores Stimme immer wieder Einspruch einlegen würde. So sorgt auch das dezent spukige Dead-Or-Alive-Cover "You spin me right round" wieder für aufgestellte Nackenhaare. Der offensichtliche Schwung dort ist nur Tarnung. Man hält den Atem an. Und wenn man ausatmet, ist wieder zu viel Unrecht geschehen auf dieser Welt. Solche Wahrheiten müssen ausgesprochen werden. Auch und gerade von jungen Müttern.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Old soul
  • Icarus wind
  • The lower road
  • You spin me right round

Tracklist

  1. Old soul
  2. Black letter
  3. Dance in New York
  4. Rosie
  5. Roll on
  6. Icarus wind
  7. The wrong side
  8. Slow journey
  9. And you shall know no other God but me
  10. When I get back to shore
  11. Breathe
  12. The lower road
  13. You spin me right round

Gesamtspielzeit: 53:50 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Limburger
2011-07-21 14:23:37 Uhr
richtich
Oliver Ding
2008-07-13 19:39:24 Uhr
Mich interessiert so etwas durchaus. Aber das war ja bekannt.
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