Lil Wayne - Tha Carter III

Lil Wayne- Tha Carter III

Cash Money / Universal
VÖ: 06.06.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Dauerlutscher

Die folgende, bisher vor allem amerikanische Erfolgsgeschichte lässt sich allein durch ihre Unerklärlichkeit erklären. Auf dem Papier passt schließlich nicht mehr viel zwischen "Lick me like a lollipop" und "I'll take you to the candy shop", höchstens ein paar Zentimeter Oberarmumfang. Und auch mit Ton an ist das, wozu sich Lil Wayne seit zehn Jahren zwischen Ron Jeremy und Premium-Karnickelzucht ein Mordsrohr zusammen rappt, immer nahe dran an jenen Maßschneidereien, mit denen Timbaland schon Justin Timberlake zum Weißhäutigen unter Berufsblinden hoch produziert hat. "Tha Carter III" ist trotzdem/deshalb die endgültige, unwiderrufliche Durchbruchsplatte des 25jährigen Dwayne Carter - ein Album der großen Worte, natürlich, bei dem schon das Cover ankündigt, dass es hier mindestens darum geht, das "Nevermind" des Southern Raps auf den Weg zu bringen.

Folgerichtig ist auf dem sechsten Lil-Wayne-Album - Mixtapes und sonstiges nicht mitgerechnet - kaum noch etwas vom alten Dirty-South-Stempel zu erkennen, der ohnehin immer zu blass war für New Orleans' berühmteste Hühnerbrust. Besonders die erste Hälfte der Platte ist in ihrer bügelfaltigen Perfektion schon nicht mehr nur beinahe beängstigender Pop-Rap: Lil Wayne zitiert "Umbrella" und "My hump", lässt sich die Hooklines von den großen Weichmachern des Mode-R'n'Bs bringen und führt das alles in einem entwaffnend einleuchtenden Gipfeltreffen der Hochwertigkeitskomplexe zusammen. "Mr. Carter" verbraucht "Ms. Jackson"-Klavier, "Hard knock life"-Chor, Fake-Streicher, den echten Jay-Z und ganze Vorratspackungen an Viagra in einer derart grotesken Überproduktion, dass die Wurst nach hinten raus doch wieder zwei Enden hat. Wenn Public Enemy mal Black CNN waren, muss "Tha Carter III" wohl das Beate-Uhse-TV der Schwarzen sein.

Kurz bevor sich die Frage stellen kann, ab wann so viel heiß aufbereitete Luft nicht mehr gesund ist, bricht das Album in der Mitte auseinander, durchlebt ein paar Meilen im freien Fall und landet schließlich auf den Füßen, für die es von Anfang an bestimmt war. Angefangen mit dem blitzlichtlosen, überraschend reflektierten New-Orleans-Requiem "Tie my hands", wird "Tha Carter III" mit nahezu jedem Track mutiger, unberechenbarer und besser. "Playing with fire" holt sich die Drive-By-Shooting-Mentalität des HipHop vor die Flinte und verarbeitet seine Paranoia als atemlose Notorious-B.I.G.-Reminiszenz. Gitarren werden zum HipHop-Baustein, ohne zwangsläufig zu abgestandener Crossover-Suppe zu führen - und "Lollipop" bringt sich in der Zwischenzeit als zukunftssichere Single in Position, die von Ushers "Yeah" und Timberlakes "My love" nicht mal zum Frühstück satt würde.

"Tha Carter III" belohnt letztlich also nach- und reichhaltiger, als es die für sich genommen schon hervorragende Designermusik der ersten Albumhälfte versprochen hatte. Deutlich wird das vor allem, wenn die zehnminütige Nachbesprechung "Dontgetit" ein sündhaft teures Nina-Simone-Sample aus seinen tiefen Taschen fischt, damit für alle weniger originellen Popkultur-Anspielungen der vorangegangen Stunde entschädigt und dazu noch Lil Waynes, nun ja, eigenwilligen, mit dramatisch eiskalter Perfektion dargestellten Blickwinkel auf American dream und way of life offen legt. Schwindel erregende, komplex konstruierte Hits wie "Let the beat build" und die "Drop it like it's hot"-Variation "A milli", die düsteren Beschwörungstheorien aus "Shoot me down" oder den krankenhausreifen Humor des Waldhorn-haltigen "Dr. Carter" nimmt man zu diesem Zeitpunkt schon für selbstverständlich. Man hat ja sowieso längst vergessen, dass einer wie Lil Wayne der Letzte ist, von dem man sich die Süßigkeiten wahllos andrehen lassen sollte.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Mr. Carter
  • Dr. Carter
  • Shoot me down
  • Lollipop
  • Playing with fire

Tracklist

  • CD 1
    1. 3 peat
    2. Mr. Carter (feat. Jay-Z)
    3. A milli
    4. Got money (feat. T-Pain)
    5. Comfortable (feat. Babyface)
    6. Dr. Carter
    7. Phone home
    8. Tie my hands (feat. Robin Thickle
    9. Mrs. Officer (feat. Bobby Valentino)
    10. Let the beat build
    11. Shoot me down (feat. D. Smith)
    12. Lollipop (feat. Static Major)
    13. La la (feat. Brisco & Busta Rhymes
    14. Playing with fire (feat. Betty Wright)
    15. You ain't got nuthin' (feat. Fabolous & Julez Santana)
    16. Dontgetit
  • CD 2
    1. I'm me
    2. Gossip
    3. Kush
    4. Love me or hate me
    5. Talkin' about it

Gesamtspielzeit: 96:40 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Dän
2009-02-01 21:20:10 Uhr
Unglaubliches geiles Kurzinterview. Wayne sieht aus, als würde er gleich seine abgesägte Schrotflinte rausholen und die Fragerin abknallen. http://www.pitchforkmedia.com/article/news/148825-katie-couric-grills-lil-wayne

Und. Er bringt ein Rockalbum raus, von dem man sich einen Song hier anhören kann: http://www.youtube.com/watch?v=lE_2Qmdnurc
arnold apfelstrudel
2008-07-03 00:12:07 Uhr
Bin auch erst durch pt drauf gestoßen. Ihr Schweine! ;)
floesn
2008-07-03 00:10:08 Uhr
ich kannte das bis vor 1 Woche nicht mal.
Bonzo
2008-07-03 00:06:09 Uhr
Lollipop ist so ziemlich das Grausamste, was ich dieses Jahr gehört habe.
floesn
2008-07-03 00:01:58 Uhr
Also ich kann den Typen auch nur 5 Minuten hören. Stimme nervt mich, sein Rapstil auch und wenn ich dann noch den äußeren Eindruck dazu nehme, find ich den auch zu prollig.

"Lollipop" ist vom Beat her echt ganz gut. Das war es dann aber auch für mich.

Bin raus, Homies...
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