Joan As Police Woman - To survive

Joan As Police Woman- To survive

Reveal / PIAS / Rough Trade
VÖ: 06.06.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Darwin's darling

Kein Mensch hält es länger als 78 Stunden ohne Wasser aus. Dafür kommt Joan Wasser ganz gut ohne Menschen klar. Auf ihrem zweiten Album "To survive" erforscht sie außerordentlich inspiriert die Aggregatzustände der Einsamkeit - und die ist natürlich trotzdem immer noch dann am schönsten, wenn sie sich verflüchtigt. Leicht macht es ihr die Überlebenskünstlerin dabei allerdings nicht und überreicht erst mal einen umfangreichen Beipackzettel: "Would you love me / And not my need to be loved?" steht da in großen, zweifelnden Lettern. Fragen Sie jetzt bloß nicht ihren Arzt oder Apotheker, sondern einfach Ihren gesunden Menschenverstand, wie sie das wohl meint.

Weil Vertrauen bekanntlich Übungssache ist, übersetzt Wasser ihre zwischenmenschliche Skepsis in eine etüdenhafte Klavierbegleitung, unnahbar und kühl. Erst als sie den Text beiseite legt, wagen die Harmonien von "Honor wishes" eine Exkursion in zuversichtliche Gefilde - auch wenn die Schwere des Konjunktivs den zaghaft schwebenden Gospelteppich schon bald wieder auf den Boden der Zweifel zurückholt. Um so erstaunlicher, mit welcher Selbstverständlichkeit die 37-jährige keine zwei Minuten später "You're my holiday / The place where I escape" zwitschert und dermaßen lässigen Soulpop aus dem Köfferchen holt, dass man dreimal hinhören muss, um seinen Ohren zu trauen. Und spätestens nach "To be loved" ist klar, dass Wassers Herz vor allem für Al Green schlägt.

Musikalisch hat sich seit "Real life" gar nicht so viel getan - mal abgesehen davon, dass das Songwriting noch ein bisschen unkalkulierbarer geworden ist und die funkensprühende Euphorie immer öfter einer würdevollen Verletzlichkeit weicht. Dennoch gibt es eine gravierende Veränderung: Joan As Police Woman sind - zumindest der Besetzung nach - fast wieder Black Beetle; jene Band, die Wasser nach dem viel zu frühen, viel zu tragischen Tod ihres Lebensgefährten Jeff Buckley mit dessen verbliebenen Musikern Michael Tighe und Parker Kindred gegründet hatte. Letzterer hat nun Ben Perowsky am Schlagzeug ersetzt und fällt insbesondere durch seine gewissenhaft gebrummten Backing Vocals auf.

Was noch auffällt, ist erneut die weitgehende Abwesenheit von Wassers eigentlichem Hauptinstrument, der Violine. Sie konzentriert sich lieber auf das Piano und überlässt die Streicherarrangements der beiden zentralen Klavierballaden "To be lonely" und "To survive" dem großartigen Maxim Moston (Antony & The Johnsons). "Magpies" wiederum ist eine weitere relaxte Soulpop-Nummer, und bevor man noch auf die Idee kommt, dass es so langsam ein bisschen langweilig wird, zeigt die gute Joan in der brillanten zweiten Albumhälfte, dass sie mit allen Wassern gewaschen ist: "The start of my heart" wirft im Zeitlupentempo die New-Wave-Nebelmaschine an, das Wurlitzer-Inferno "Furious" setzt eine träge Nation auf die Anklagebank und "To America" mit Gastsänger Rufus Wainwright und Broadway-Flair einen überaus eindrucksvollen Schlusspunkt. Selten hat das nackte Überleben so viel Freude bereitet.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • The start of my heart
  • Furious
  • To survive
  • To America

Tracklist

  1. Honor wishes
  2. Holiday
  3. To be loved
  4. To be lonely
  5. Magpies
  6. Start of my heart
  7. Hard white wall
  8. Furious
  9. To survive
  10. To America

Gesamtspielzeit: 45:29 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
harp
2008-10-13 23:48:15 Uhr
habe sie nach der ersten platte in zürich im moods gesehen. umwerfend. bin am konzert in der roten fabrik im november bestimmt wieder dabei. kann ich jedem wirklich nur wärmtens empfehlen.
hellworm
2008-08-18 08:56:31 Uhr
nach ihrem auftritt beim haldern pop hab ich mir das album zugelegt. wow! :-) besonders honor wishes, magpies und start of my heart gefallen mir. hoffe, ich kann mir joan bald nochmal in einem club anschauen ;-)
Humpty Humpty
2008-05-22 01:54:10 Uhr
Anwärter auf mein Album des Jahres, wenn ich es mir nicht verleide, wie schon bei einigen diesjährigen Alben geschehen. Ich denke aber, Joans Melodien sind hier viel zu unscheinbar, als dass sie mich allzu schnell langweilen könnten. Was sind denn "Happy-Sons"? Favoriten bislang: "Holiday" und "To America". "Furious" ist kurios.
BGWMG
2008-05-17 17:17:11 Uhr
Wohl. "Magpies" und "Hard White Wall" sind Favoriten.
Paul Paul
2008-05-17 13:19:14 Uhr
Wirklich einige wunderschöne Lieder: "Holiday", "To Be Lonely" und "Start Of My Heart" vorneweg. Die "Happy-Songs" hätten aber nicht zwingend sein gemusst.
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