Dave Navarro - Trust no one

Dave Navarro- Trust no one

Capitol / EMI
VÖ: 02.07.2001

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Tiefen der Seele

Wer Dave Navarro als Tausendsassa bezeichnet, untertreibt schamlos. Als Gitarrist von Jane's Addiction hat er Geschichte geschrieben, sich mit deren Nachfolgerband Porno For Pyros dem Art-Rock verschrieben, auf Alben von Alanis Morissette, Marilyn Manson oder Nine Inch Nails seine Saitenkünste in den Dienst der Mannschaft gestellt und die Red Hot Chili Peppers auf den rechten Weg gebracht, um diese noch vor ihrem Millionenseller "Californication" wieder zu verlassen. Wer darüber hinaus das Angebot ausschlägt, bei Guns N' Roses Slash, einen der besten Gitarristen der Gegenwart, zu ersetzen, leidet entweder an Größenwahn oder an zwei anderen Eigenschaften: Talent und einem unbezwingbaren Streben nach Unabhängigkeit. Willkommen in der Welt eines Exzentrikers, wie er nicht nur im Buche steht, sondern zu diesem Anlaß gleich eines ("Don't try this at home") veröffentlicht hat.

Von krankhafter Saitenmalträtierung bis zu beatlesken Popsongs wäre insofern auch erstem Soloalbum des Multitalents alles zu erwarten gewesen, bei dem er erstmals die Rolle des Frontmanns auszufüllen hatte. Die Antwort liegt wie so oft irgendwo dazwischen. Denn während sich Navarros eigenwilliger Sound höchst vage als Ausgeburt verblichener Grunge-Heroen mit Anleihen bei Jane's Addiction einordnen läßt und oft genug frappierend an Scott Weilands Soloausflug "12 Bar blues" erinnert, zeichnen sich die zehn Songs vor allem durch eines aus: Tiefe.

Zum einen mag dies an den erdigen Gitarren liegen, die sich mit einer Vielzahl von knarzigen Soundeffekten ein unterirdisches Stelldichein geben, zum anderen an der Intimität der Songs. Jahre verbrachte Navarro in der zweiten Reihe mehrerer Bands damit, fremde Songs mit seiner Saitenkunst zu bereichern und mit Leben zu füllen, während seine Songwriter-Fähigkeiten im Verborgenen schlummerten und darauf warteten, nach Außen zu platzen. Daß das Ergebnis von Navarros Seelenstriptease zu keinem Zeitpunkt leicht bekömmlich ist, läßt den besonderen Reiz von "Trust no one" nach kurzer Eingewöhnungsphase aber noch wachsen. Und wenn Lou Reed himself Navarros Interpretation von Velvet Undergrounds "Venus in furs" als beste Coverversion des Songs überhaupt adelt (und damit alles andere als unrecht hat), spricht dies nicht nur Bände über Navarros musikalische Ahnen, sondern vor allem auch über die Vielschichtigkeit, die "Trust no one" bereithält.

Während die erste Single "Rexall" trotz der eingängigen Melodie textlich nichts als Verwirrung hinterläßt und "Not for nothing" auf wirre Weise "Starfuckers Inc." von Nine Inch Nails zerlegt, läßt sich auch die Bedeutung mysteriöser Songs wie "Mourning son" oder der finalen Akustiknummer "Slow motion sickness" höchstens erahnen. So bleibt es am Ende nicht das einzige Rätsel, was uns Navarro mit dem ominösen Handzeichen auf dem Cover anzeigen möchte. "Trust no one"? Eine Auszeit? Fünf Bier für die Jungs hier am Tisch? Ein T wie "Treffsicherheit"? Oder einfach nur zwei Welten, zwei Horizonte, die auf "Trust no one" aufeinanderprallen und nicht verschmelzen, sondern koexistieren? "Trust no one" steckt voller Rätsel. Wer genug Mut aufbringt, diese zu entdecken, wird hinter dem Schleier des Lärms auf atemberaubende Geheimnisse stoßen.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Rexall
  • Avoiding the angel
  • Venus in furs
  • Slow motion sickness

Tracklist

  1. Rexall
  2. Hungry
  3. Sunny day
  4. Mourning son
  5. Everything
  6. Not for nothing
  7. Avoiding the angel
  8. Very little daylight
  9. Venus in furs
  10. Slow motion sickness

Gesamtspielzeit: 44:48 min.

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