Coldplay - Viva la vida or death and all his friends

Coldplay- Viva la vida or death and all his friends

Parlophone / EMI
VÖ: 13.06.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Geister, die sie riefen

Aller guten Dinge sind nicht immer zwei, wenn man Coldplay glauben darf. In der letztendlich zum Scheitern verurteilten Geschlechterkombination Mann und Frau, "X&Y", etwa. Oder im Titel des neuen Albums, auch wenn Leben und Tod, die denkbar größten Unvereinbarkeiten überhaupt, in ein und demselben Satz stehen. Ebenfalls unvereinbar für viele: die inzwischen gen Weltruhm strebende Popularität von Chris Martin und Kollegen angesichts ihrer Wurzeln im Indie-Bereich. Gerade beim letzten Album "X&Y" setzte es nicht wenig Prügel, war von Pop für kleine Mädchen, Stadionrock ohne Rock oder Musik für Gwyneth-Paltrow-Versteher die Rede. Waren da Heerscharen von Fans der ersten Stunde nur sauer, dass ihre Lieblingsband jetzt auch von Mainstreamhörern nach Hause getragen wird? Oder sind ihnen Stücke wie das tausendfach verdrehte "White shadows" oder die köstlich halluzinogene Löschpapier-Hymne "Talk" am Ende gar entgangen?

Dabei kann man gegen Coldplay sagen, was man will, doch eine Band, die sich ständig bloß wiederholt, sind sie bestimmt nicht. Auch nicht auf "Viva la vida or death and all his friends". Ein luftiges Instrumental-Intro mit U2-Gitarren beleuchtet den Eingangsschlauch, bevor kurz gegen Ende der Chor der Geister einsetzt und auf die "Cemeteries of London" führt. Ein verhaltener Beginn, der sich nur langsam hervorwagt und auf tausendfach bewährten Songaufbau verzichtet. Ebenso wie das folgende "Lost!", das einen listig in die gleiche Kirche lockt, in der auch Arcade Fire ihre Platten aufzunehmen pflegen. Auf der Kanzel steht Chris Martin und predigt über die trügerische Natur der Dinge, während Brian Eno zu rollenden Beats ein bedrohliches Orgelpfeifen-Orchester dirigiert. Mit Verlaub gefragt: Wer ist bloß auf die Idee gekommen, dass es sich hier um eine herkömmliche Indie-Band handeln soll?

Es dauert immerhin bis zur Hälfte des vierten Stücks, bis das Album einen Bruch vollzieht und plötzlich einer ätherischen Klaviereinleitung so etwas wie Rockmusik entsteigt. Doch auch die gibt es nicht ohne Kampf und Täuschungsmanöver: "Reign of love / Lovers in Japan" und "Yes" sind zweigeteilte Stücke, die die Bandbreite von Gitarrenpop, Pianoballaden und Shoegazer-Wällen durchmessen. Musikalisch brillant, aber auch von einem unbestimmten Zweifel an den eigenen Fähigkeiten überschattet. Denn wer weiß, ob Chris Martin nicht auch sich selbst meint, wenn er in "42" zum Schluss "You didn't get to heaven / But you made it close" kommt? Und doch gibt es einen Moment, in dem sich alles kurz von selbst erklärt und zentimetergenau an den richtigen Platz fällt: "Viva la vida" ist ein perfekter Song mit schiebenden Streichern und unaufdringlichem Beat, in dem Martin als gestürzter König der Welt auftritt, seine verlorenen Privilegien feiert und sich gut gelaunt selbst zum Bettelmann degradiert. Klar ist es ein Leichtes, das als hanebüchenen Kitsch abzuqualifizieren und die Band danach gedanklich zur nächsten Night Of The Proms abzuschieben. Aber auch ungleich lohnenswerter, dieses wunderbare Lied von ganzem Herzen zu umarmen. Und wieder war die erste Single aus einem Coldplay-Album nicht die beste.

Man mag nun einwenden, dass hier nicht immer alles zusammenpasst und Coldplay mitunter ein paar zu viele Löcher graben. Dass einige Stücke den Weg des zu geringen Widerstandes gehen, während andere mit einem Übermaß an bisher fremden Elementen protzen. Doch womöglich erweist sich gerade deswegen dieses Album irgendwann als das mit der längsten Halbwertzeit ihrer Diskographie. "Viva la vida or death and all his friends" macht Coldplay zwar noch lange nicht zu Arcade Fire, Sigur Rós oder gar Radiohead, obwohl deren Spuren an manchen Stellen zu finden sind. Wie gesagt: "You didn't get to heaven / But you made it close."

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Lost!
  • Yes
  • Viva la vida

Tracklist

  1. Life in Technicolor
  2. Cemeteries of London
  3. Lost!
  4. 42
  5. Lovers in Japan / Reign of love
  6. Yes
  7. Viva la vida
  8. Violet hill
  9. Strawberry swing
  10. Death and all his friends

Gesamtspielzeit: 45:49 min.

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Affengitarre

Postings: 3332

Registriert seit 23.07.2014

2018-08-28 15:53:25 Uhr
Ach, ich find das auch auf Albumlänge schick. Das melancholische "42" mit dem tollen Break in der Mitte, das düstere, orientalisch angehauchte "Yes", "Strawberry Swing". Nochmal nach dem schwierigen "X&Y" ein gelungener Sprung nach oben.
16-Jähriges-Instagram-Girl
2018-08-28 15:41:37 Uhr
Coldplay sind voll geil!
Die machen doch immer mit Rhianna so geile Songs oder?

lumiko

Postings: 239

Registriert seit 09.09.2015

2018-08-28 15:20:19 Uhr
überzeugt mich auf Albumlänge nicht.
Ein paar Songs stechen für mich heraus -
"Violet Hill" und "Cemeteries of London" finde ich klasse
ollo
2011-11-08 21:23:32 Uhr
DAS IST DOCH NUR NOCH KOMMERZ DAMIT DIE SICH NOCH MEHR HÄUSER AUTOS UND SCHIFFE KAUFEN KÖNNEN!!!!

die vorgetragene melancholie und sehnsucht in den liedern ist doch nur gespielt. das sind dicke alte satte säcke mit millionen aufm konto!

reiche w*****r.

stimmts?
Neytiri
2011-11-08 21:20:52 Uhr
Coldplay stehen vor dem totalen Ausverkauf! Alles raus, bevor die Wintersportartikel rein kommen.
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