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Various Artists - Pop 2001 - Geschichte wird gemacht

Various Artists- Pop 2001 - Geschichte wird gemacht

MME / Warner Special Marketing
VÖ: 02.07.2001

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Im Sturz durch Zeit und Raum

Vor rund einem Jahr ging ein kleiner Ruck durch die Republik. Ein gutes Dutzend namhafter deutscher Künstler hatte sich aufgemacht, unter der Obhut von Herbert Grönemeyers "Grönland"-Label unter dem Titel "Pop 2000" die verschiedenartigsten Klassiker nationalen Liedguts auf originelle wie moderne Weise zu interpretieren. Das Spektrum der vertretenen Künstler reichte dabei von Reimemeistern wie Smudo bis zu Crossover-Kaspern wie den Guano Apes und stellte NDW-Klassiker gleichberechtigt neben Synthie-Schnulze und Grönemeyer-Schmachtfetzen.

Doch was das allerwichtigste an der Sache war: Zusammen mit einer gleichnamigen TV-Doku-Reihe und einer 10-CD-Box für Sammler und Steinreiche war wieder eine Art zeitgemäßer und doch zeitloser nationaler Popkultur heraufbeschworen. Daß mit Jan Delays erstaunlicher "Irgendwie, irgendwo, irgendwann"-Interpretation und dem knüppeldicken "Big in Japan" der Guano Apes neben einigen kleinen gleich zwei große Hits heraussprangen, ist wohl auch die Ursache für das Phänomen, das kommerzielle Erfolge heutzutage unweigerlich nach sich ziehen: eine Fortzsetzung. Megakonzern Warner hat das Projekt übernommen, "Pop 2000" ein "Pop 2001" folgen lassen und an die Stelle des ad absurdum geführten Untertitels "Das gibts nur einmal" mit "Geschichte wird gemacht" einen zeitloseren treten lassen. Es geht voran.

Anders als auf dem vor Koryphäen strotzenden Vorgänger sind sich neben der Grande Dame Hildegard Knef, den Ost-Veteranen von Keimzeit und Techno-Urvater Westbam diesmal vor allem Acts vertreten, von denen wir noch nicht allzulange gehört haben (Glashaus) oder nie wieder hören wollten (Scooter, Bürger Lars Dietrich). Für den größten A-Ha-Effekt sorgt dennoch eine Band, von der man es nicht wirklich erwartet hätte: Für den glorreichen Einfall, ausgerechnet den Modern-Talking-Gassenhauer "You're my heart, you're my soul" einer Neubearbeitung zu unterziehen, gehört den netten Jungs von den Scycs eigentlich die goldene Ananas auf Lebenszeit verliehen. Daß der Spirit von Bohlens Föhnwelle und Anders' Goldkettchen einem krachigen Rockgewand gewichen ist, wertet das Machwerk zumindest in den Bereich des Hörbaren auf. Noch weitaus gelungener vollziehen die Würzburger Indie-Helden von Miles ihren Recycling-Versuch, bei dem sie den Staub vom leicht vergilbten Rainbirds-Klassiker "Blueprint" blasen.

So manch anderer Versuch jedoch scheitert an seiner Inkonsequenz. Die Gänsehaut, die unweigerlich auftaucht, wenn Glashaus-Sirene Cassandra Steen die ersten Zeilen der Selig-Ballade "Ohne Dich" anstimmt, wird alsbald von den einsetzenden Beats geschwächt. Im Gegenzug hinterläßt auch der Ex-Selig-Frontmann Jan Plewka mit seiner großartigen, aber leicht diffus wirkenden Interpretation von "Déjà vu" (im Original von Spliff) das Gefühl, knapp am Meisterwerk vorbeigeschrammt zu sein. Die Liste der erträglichen Beiträge findet mit dem Westbam-Remix von "Rauch-Haus-Song" (Ton Steine Scherben) bereits ein Ende. Nachdem die in Kooperation von Reamonn mit Xavier Naidoo eingespielte Neuauflage von Falcos "Jeanny" es aufgrund von Label-Querelen doch nicht auf den Sampler schaffte, mußte ausgerechnet Sabrina Setlurs "Keine ist" als erste Single herhalten. Daß die Rap-Schwester ausgerechnet einem Song ihrer Ziehväter vom Rödelheim Hartreim Projekt zu neuem Glanz verhelfen möchte, hinterläßt einen faden Beigeschmack der Vetternwirtschaft, der durch das ideenlose Ergebnis zusätzlich verstärkt wird.

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Dr. Ring Dings Reggae-Verwurstung von "Careless love" (Humpe & Humpe) überbietet dessen "Ring of fire"-Schändung nur haarscharf, während auch Da Hool und Paul van Dyk mit ihren stumpfen Dance-Remixen (Propaganda / Alphaville) Fragezeichen hinterlassen. Wenn sich Blödelkasper wie Liquido oder Bürger Lars Dietrich an Klassikern von Boney M. und Foyer des Arts vergreifen, hört der Spaß endgültig auf. Gegen Ende bleibt dem neutralen Beobachter sogar das Lachen im Halse stecken, das Hildegard Knefs grauenvoll trashige Neuauflage von Rammsteins "Engel" hinterlassen hat. Auf diese Weise stellt sich das an sich originelle Konzept mehr und mehr selbst in Frage. Wer schließlich doch noch den Fehler begeht, Scooters Neuauflage von "Am Fenster" (City) anzusteuern und Brüllaffe H.P. Baxter beim vergeblichen Singversuch vernimmt, wird endgültig wissen, weshalb Grönemeyer mit diesem Projekt nichts mehr zu tun haben wollte und die Originale aus dem Schrank ziehen.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Ohne dich (Glashaus)
  • Rauch-Haus-Song (Ton Steine Scherben) (Westbam remix)
  • Blueprint (Miles)
  • Déjà vu (Jan Plewka)

Tracklist

  1. Careless love (Dr. Ring Ding & The Senior Allstars)
  2. Ohne Dich (Glashaus)
  3. You're my heart, you're my soul (Scycs)
  4. Wissenswertes über Erlangen (Bürger Lars Dietrich)
  5. Dr. Mabuse (Da Hool)
  6. Keine ist (Sabrina Setlur)
  7. Rauch-Haus-Song (Ton Steine Scherben) (Westbam Remix)
  8. Brown girl in the ring (Liquido)
  9. Dance with me (Alphaville) (Paul van Dyk Remix)
  10. Blueprint (Miles)
  11. Am Fenster (Scooter)
  12. Marleen (Keimzeit)
  13. Mein Freund der Baum (Manuela Krause mit Pole)
  14. Déjà vu (Jan Plewka)
  15. Engel (Hildegard Knef)

Gesamtspielzeit: 63:51 min.

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