Herrenmagazin - Atzelgift

Herrenmagazin- Atzelgift

Motor / Edel
VÖ: 13.06.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Indie-Playboy

Endlich ein Herrenmagazin mit Ohrgasmus-Garantie. Die Band hinter dem Schmuddel-Kalauer passt ins Bild: Frivol und jugendlich verpeilt geben sich die vier (Wahl-)Hamburger, von Pressefotos und in Interviews wird verstrahlt gestrahlt, mit der eigenen Antriebslosigkeit kokettiert und ganz unverschämt herumgekumpelt. Anstatt Demos zu verschicken und hart am eigenen Produkt zu arbeiten, vercheckt das Quartett nach eigener Aussage gern Mal die Proben, weil Saufen oder die Zubereitung von "Cock im Wein" oder Hackpizza plötzlich doch wichtiger sind. Obligatorisches Augenzwinkern und mangelnder Welternst verstehen sich danach eigentlich von selbst.

Wenn dann noch im Nebensatz fällt, dass die Newcomer ihren Vertrag bei Motor ohne besonderes Bemühen einsacken durften, weil Schlagzeuger Rasmus Engler nicht nur bei Das Bierbeben mit Tocotronics Jan Müller musiziert, sondern in Hamburg jedem Deutsch-Indie-Kenner ohnehin ein Begriff ist, und man zudem noch wie aus dem Nichts mit Kettcar, den Hives oder Muff Potter tourt, drängt sich der Verdacht auf, dass der aufkeimende Hype hier jene trifft, die es so gar nicht verdienen. Dabei hätten Herrenmagazin es überhaupt nicht nötig, betont gutartiges Slackertum vorzuschürzen oder mit entschuldigendem Schulterzucken den plötzlichen Erfolg im Zuge ihres jüngst erscheinenden Debüts "Atzelgift" zu kommentieren: Mit einem solchen Machwerk voller Moll-Gefühl dürfen sie selbstbewusst auftreten.

"Atzelgift" - der Name eines Erholungsortes in Englers Eifel-Heimat - besticht vor allem durch seine sehnige Melancholie. Mit ihr intoniert Sänger Deniz Jaspersen Postpunk-Stücke wie den treibenden Opener "Früher war ich meistens traurig" oder die Heide gewordene Liebesenttäuschung "Lnbrg" irgendwo inmitten markanter Koordinaten des deutschen und internationalen Indierocks wie Muff Potter, Kettcar oder Maximo Park. Mehr als einmal textet die Band wie Markus Wiebusch an- und aufrührend, aber ebenso wenig greifbar, verflucht mit einem Lächeln die lieblose "Lilly Lametta", genießt die Erkenntnis in der euphorischen Selbstanklage "Sie geht nicht über Nacht" und betrauert im Titelsong den Drogenirrweg eines Bekannten.

Aufrichtig seziert "Atzelgift" Befindlichkeiten auf hanseatische Art, suhlt sich in seiner Schwermut und entwickelt innerhalb von zwölf Songs dennoch kein bisschen Leidensdruck. Die frühere Punk-Sozialisation der Bandmitglieder raut die poppigen Songoberflächen auf und steigert einen eigentlich ganz gewöhnlichen deutschen Indierocktitel wie "Kein bißchen aufgeregt" zu einem angenehm schmerzhaften Kreischen. Dass sie es sich leisten könnten, konkreter zu werden, zeigt das Album-Ende: Im großartigen Hiddentrack trifft wütende Gesellschaftskritik eindrucksvoll auf ein halbakustisches Gewand. Diese Band ist viel mehr als das knappe Herrengedeck, als das sie sich gelegentlich abseits ihrer Musik präsentiert. Darauf noch'n Pils und 'n Korn.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Früher war ich meistens traurig
  • Geht nicht über Nacht
  • Lilly Lametta

Tracklist

  1. Früher war ich meistens traurig
  2. 1000 Städte
  3. Der längste Tag
  4. Lnbrg
  5. Alles (aus; alles) an
  6. Der langsame Tod eines sehr großen Tieres
  7. Geht nicht über Nacht
  8. Lilly Lametta
  9. Lichter der Stadt
  10. Atzelgift
  11. Sowiedubist
  12. Kein bißchen aufgeregt

Gesamtspielzeit: 54:59 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
SvK
2009-11-02 18:46:48 Uhr
ich hass es, wenn hidden tracks keine eigenen tracks sind...
SvK
2009-11-02 18:45:38 Uhr
hidden track heißt
Ein Wind
SvK
2009-06-17 14:53:56 Uhr
das mit dem hidden track würd mich auch interessieren.
Der Mann, der von den Toten singt
2009-06-17 00:48:21 Uhr
Der Wind!
revilo
2009-02-27 10:13:12 Uhr
weiss jemand wie der Hidden Track heißt?
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