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Lützenkirchen - Pandora electronica

Lützenkirchen- Pandora electronica

Great Stuff / Groove Attack
VÖ: 30.05.2008

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Das Rave-Prekariat

Skandal im Techno-Sperrbezirk! Vor zwei Jahren offenbarte Sven Väth seinen Jüngern entrückt den wahren Sinn und Zweck des Technokosmos mit seiner "Guude Laune"-Ansprache: "The message is Feierei! The message is guude Laune!" Das klang ein bisschen wie der Typ vom Kirmes-Autoscooter nach dem entscheidenden Schnäpschen zuviel. Vor einigen Wochen kam dann Tobias Lützenkirchens "3 Tage wach" mitsamt zwei Spaßgranaten im Hasenkostüm in die Welt, die durch das Begleitvideo stolperten. Seitdem hat die Szene ihre Mohammed-Karikatur. Während in einschlägigen Foren die einen den Untergang des Technoabendlandes herbeireden und Lützenkirchen Verherrlichung von Drogenkonsum vorwerfen, delirieren Teile des hippen Berliner Rave-Prekariats etwas vom Wir-Gefühl und setzen zur Polonaise durchs Berghain an. Darauf muss man auch erst mal kommen: ein banales, nach durchfeierter Nacht schnell zusammenproduziertes Spaßlied zur Selbstbeweihräucherungshymne einer ganzen Ravergeneration aufzublasen. Richtig eklig aber wird es, seit ein Majorlabel auf den Erfolgszug aufgesprungen ist und die Marketingmaschine angeworfen hat - mit Klingelton, T-Shirts und 3-Tage-wach-Contest. Ach ja, zur diesjährigen Melt!-Hymne wurde der Track mittlerweile auch noch erklärt.

Lützenkirchen war derweil auch nicht faul und hat mit "Pandora electronica" ein Album fertig produziert, das sich zwischen Minimal-Techno, Electrohouse, Progressive-House und Trance bewegt und vor allem eines will: raven. Dementsprechend schiebt und drückt das Debüt des Münchners mit viel Gewummer nach vorne wie die Schnäppchenjäger an der Kaufhaustüre zu Beginn des Schlussverkaufs. "For a friend" bollert zum Start gemächlich vor sich hin und zeigt mit Bombastsynthies gleich mal die Richtung an. Das bedrohliche "Smack my pony" überrollt seine einsam klackenden Handclaps anschließend wie ein Monstertruck. Nachdem "The end of chords" ausgestrahlt hat, fädelt Lützenkirchen beim Versuch, seinen Tracks etwas Exotik zu verleihen, aber mehr als einmal ein. "Casa cadabra" verkommt dank dem penetranten "Hoi-oi-oi-aah-uh-aah" einer Frauenstimme zur nervigen Bauchtanznummer. Ähnliches gilt für "Cairo on acid", in dem sich eine seltsame Schlangenbeschwörermelodie um den knatternden Beat herumwindet. "3 Tage wach" feiert dann in der eigenen Kotze liegend noch einmal die Matschbirne, ehe das atmosphärische "A whisper in the wind" zum Abschluss die Ravekeule in der Steinzeithöhle lässt und sich zu fluffigem Beat lieber auf die Sounds konzentriert.

Wem das noch nicht reicht, der kann mit der zweiten CD noch nachlegen. Ein mehr als zweistündiger MP3-Mix beinahe aller bisherigen Veröffentlichungen Lützenkirchens macht da weiter, wo CD eins aufgehört hat. Das funktioniert auch alles prima: Ein Dancefloor-Knaller jagt den nächsten – wenn man denn Electrohouse mag und bei den Gleich-regnet-es-Sterne-vom-ibizenkischen-Himmel-Klängen, die beispielsweise "Bahia melody" bevölkern, nicht eiligst zurück ans Festland rudert. Ein Herz für Funktionsmusik, die aufgepumpt wie ein Bodybuilder am Strand auf- und abmarschiert, ist jedenfalls zwingende Voraussetzung, denn fröhliches Geschunkel à la "3 Tage wach" gibt's hier definitiv nicht. Ein bisschen mehr Subtilität allerdings stünde "Pandora electronica" hier und da gut zu Gesicht. Wenn schon die geile Feiergemeinde das Wort "Understatement" nicht mehr kennt.

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • Smack my pony
  • The end of chords
  • A whisper in the wind

Tracklist

  • CD 1
    1. For a friend
    2. Smack my pony
    3. Super duper
    4. The end of chords
    5. Casa cadabra
    6. One night in Rio
    7. Bahia melody
    8. Panker
    9. Hypnotized
    10. Cairo on acid
    11. Leer aber Techno
    12. 3 Tage wach
    13. A whisper in the wind
  • CD 2
    1. Blind horizon
    2. Storm chaser
    3. High roller
    4. Gimme my chicks
    5. Splinter cell
    6. Corroder
    7. Paperboy
    8. The core
    9. We must prevail
    10. Dragunov
    11. Broken bullet
    12. Mimic
    13. Kobalt
    14. Ultrashift
    15. Monster in my house
    16. She is me
    17. Spooky horror
    18. Round rubin
    19. My girlfriends girl
    20. Lazy dog bites the dirt
    21. Music for the girls
    22. The killer
    23. Ilyushin
    24. Counter funk
    25. Daily disco/ Outro speech

Gesamtspielzeit: 209:16 min.

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