Martha Wainwright - I know you're married but I've got feelings too

Martha Wainwright- I know you're married but I've got feelings too

V2 / Cooperative / Universal
VÖ: 30.05.2008

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Saitensprünge

Sie wäre garantiert eine dieser Affären, die extra ihre gut bestückte Haarbürste zum heimlichen Schäferstündchen mitnehmen, um in einem günstigen Moment verräterisches DNA-Material generös zu verteilen. Denn eine Wainwright duldet keine anderen Göttinnen neben sich. Und wer das nicht kapieren will, muss sich darauf gefasst machen, dass Madame ihre Payback-Karte zückt. "I know you're married but I've got feelings too" ist jedoch weitaus mehr als eine geschickt frisierte Provokation aus bambiäugiger Moralabstinenz und vorwurfsvoller Selbstgerechtigkeit - nämlich die zweite große Inventur im Gefühlsgroßmarkt der Martha Wainwright. Ungeschminkt, offen und gnadenlos ehrlich. Lügen würden auch wirklich nicht zu ihren langen Beinen passen.

Zu besagtem langen Albumtitel passt hingegen nicht so recht, dass sie erst vor kurzem den Produzenten Brad Albetta geheiratet hat. Der kümmerte sich bereits rührend um ihr herausragendes Debüt "Martha Wainwright" , zupft in ihrer Band den Bass und besitzt offenbar ein so vorteilhaft geschnittenes Nervenkostüm, dass er die hochexplosiven Emotionen der Künstlerin souverän zu kanalisieren weiß. Und was ist der Dank dafür? Sie geht bei fünf von dreizehn Songs fremd und poppt mit den Produzenten Martin Terefe (KT Tunstall, James Morrison, A-Ha) und Tore Johansson (The Cardigans, Emiliana Torrini, Franz Ferdinand) munter drauf los. Aber natürlich nur rein beruflich.

Vorbei ist die Monogamie mit der spartanisch instrumentierten Singer/Songwriter-Tradition - schließlich hat nicht nur die akustische Klampfe einen begehrenswerten Korpus. Diese Erkenntnis bestätigt ein gewisser Pete Townshend, der bei dem sicheren Hit "You cheated me" und bei dem nicht ganz so sicheren Hit "Comin' tonight" die E-Gitarre altmeisterlich liebkost. Außerdem auf der Gästeliste: Garth Hudson (The Band), Donald Fagen (Steely Dan) und natürlich die liebe Familie. Mutter Kate, Tante Anna McGarrigle und Cousine Lily Lanken helfen bei dem kühnen Vorhaben, aus Pink Floyds "See Emily play" einen wurlitzergesteuerten Folk-Tango zu machen (hätte nicht sein müssen), während Bruder Rufus mit seiner flammenden Stimme den Refrain des sympathisch derangierten Pretenders-Verschnitts "The George song" gewissenhaft verlötet.

Die interessanteste Figur im Familienduell bleibt - trotz Abwesenheit - allerdings Vater Loudon Wainwright III, der seinen Kindern stets ein Vorbild war. Zumindest, was die schonungslose Inszenierung privater Angelegenheiten auf öffentlichen Bühnen betrifft. Auf ihrem Debüt nannte das Fräulein Tochter ihren Alten noch "Bloody mother fucking asshole", jetzt gesteht sie beinahe zärtlich "Sometimes I feel like my dad". Von Gelassenheit kann dennoch keine Rede sein: Mit bebender Stimme präsentiert sie die großzügig angelegte Einsamkeitsstudie "Hearts Club Band", wuchtet dem schleppenden Wildwest-Rhythmus von "In the middle of the night" eine zentnerschwere Morbidität auf die Schultern und vermacht dem Streicherdrama "Tower song" ihr unheilvollstes Timbre, das in seiner feuerfesten Intensität kaum zu übertreffen ist.

Es ist ihre unverwechselbare Art, die Graustufen zwischen keifender Hysterie und herzzerreißender Sehnsucht auszutarieren, die Wainwright zu einem Ereignis werden lässt. Nicht so sehr ihr Songwriting, das neuerdings dem radiotauglichen Popkonstrukt ein bisschen zu offensichtlich auf die Pelle rückt, vor allem in der ersten Single "Bleeding all over you". Auch wenn diese sich redlich bemüht, die Spuren kommerzieller Absichten mit cineastischer Cowboy-Romantik zu verwischen. Weniger durchschaubar - und damit wesentlich interessanter - sind der mäandrische Melodieverlauf des "Niger River" und die harmonische Apokalypse im Refrain von "Jesus and Mary".

Schnittstellen zu Wainwrights deutlich reduzierterem Debüt sind nur noch vereinzelt zu entdecken, etwa bei "I wish I were" oder "So many friends". Dafür gibt sich mit "Jimi" ein alter Bekannter die Ehre, der schon auf ihrer 1999 veröffentlichten ersten EP dabei war. Während die Strophen die bewährte Folk-Nostalgie pflegen, schlüpft der Refrain in ein manisches Rockeroutfit, das man in Wainwrights Fundus nicht unbedingt erwartet hätte. Obwohl es doch nun wirklich auf der Hand liegt, dass wir es hier mit einem geräumigen Kleiderschrank zu tun haben - da muss ja schließlich ein Ehebrecher reinpassen.

(Ina Simone Mautz)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • You cheated me
  • Tower song
  • Hearts Club Band
  • Jimi

Tracklist

  1. Bleeding all over you
  2. You cheated me
  3. Jesus and Mary
  4. Comin' tonight
  5. Tower song
  6. Hearts Club Band
  7. So many friends
  8. In the middle of the night
  9. The George song
  10. Niger River
  11. Jimi
  12. See Emily play
  13. I wish I were

Gesamtspielzeit: 49:29 min.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify