Ladytron - Velocifero

Ladytron- Velocifero

Major / Al!ve
VÖ: 30.05.2008

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Guter Admin, böser Admin

Der Teufel ist ein Synthie-Eichhörnchen. Zumindest wenn man Ladytron traut, die ihr viertes Album mit einem aus "velocity" und "Lucifer" zusammengebauten Phantasiewort betiteln. Doch obwohl das Quartett gerne mit auf kajalumrandete Düsternis gebürstetem Image flirtet, sich mit Remixen für Bloc Party und Gang Of Four im Gitarrenrock zu positionieren versuchte und gar mit Nine Inch Nails auf Tour war, lässt sich die Knuffigkeit elektronischer Popmusik an ihnen weiterhin vorzüglich veranschaulichen. Denn mal ehrlich: Ganz so ernst meinen die den dunklen Zauber sicher auch nicht.

Auch nicht auf "Velocifero". Zwar stampft und schmatzt etwa der Opener "Black cat" unterschwellig aggressiv daher. Doch welcher des Bulgarischen unkundige Mensch kann ausschließen, dass das, was Mira Aroyo dazu aufreizend kühl rezitiert, vielleicht bloß ihrem liebsten Haustier gilt? Das folgende "Ghosts" ist ein robuster Electro-Boogie, der jedoch bald von Helen Marnies bezauberndem Gesangspart entschärft wird. Ein bekanntes Wechselspiel: feenhaft entrückter Pop-Appeal trifft auf demonstrative emotionale Unnahbarkeit. Gut hier, böse da. Und eine Zeile wie "There's a ghost in me who wants to say I'm sorry" verdeutlichen zudem, dass Ladytron die Geister, die sie riefen, im Grunde gar nicht loswerden wollen. Im Gegenteil: Sie dürfen sich sogar setzen und einen Keks nehmen. Dreizehn Songs lang.

Was unter Umständen etwas zu lang sein könnte. Denn wo bisher bei jedem ihrer Alben ein gewisser Fortschritt zu verzeichnen war, treten die Liverpooler hier erstmals auf der Stelle. Was nicht drüber hinwegtäuschen kann, dass sie erneut eine für elektronischen Pop beachtliche Sounddichte an den Tag legen. Manchmal wird das alles dann aber so dicht, dass Zwischentöne, Shoegazer-Gitarren in der Warteschleife und Gesang ihre Mühe haben, sich durch die sonor brummenden Bass-Synthies an die Oberfläche zu kämpfen. Wollen Ladytron damit kaschieren, dass sie beim Songwriting nicht so auf den Punkt gekommen sind? Dass die Beiträge von Nine-Inch-Nails-Elektroniker Alessandro Cortini und den französischen Dance-Recken Vicarious Bliss etwas übers Ziel hinausschießen?

Verzückende Songs gelingen ihnen trotzdem eine ganze Reihe. "Runaway" feiert konsequente Monotonie mit dicken, bassigen Ellenbogen. Im nach vorne gehenden "Burning up" beteuert Helen Marnie zwar "I wrote a protest song about you", aber tröpfelt diesen dem Hörer dann wie Butter ins Ohr. Und gegen Ende nähern sich Ladytron immer mehr dem elektronischem Pophimmel, lassen "Deep blue" nach hinten von Geigen und Gitarren zerkratzen und beschließen das Ganze mit dem prächtig erblühenden "Versus". Danach muss man doch konstatieren, ein ziemlich gutes Album gehört zu haben. Nur das Eichhörnchen klopft leicht beleidigt mit dem buschigen Schwanz: Ein so pompös strahlender Volltreffer wie "Destroy everything you touch" war diesmal leider nicht dabei. So was gibt es eben nicht für Nüsse.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Runaway
  • Deep blue
  • Versus

Tracklist

  1. Black cat
  2. Ghosts
  3. I'm not scared
  4. Runaway
  5. Season of illusions
  6. Burning up
  7. Kletva
  8. They gave you a heart, they gave you a name
  9. Predict the day
  10. Lovers
  11. Deep blue
  12. Tomorrow
  13. Versus

Gesamtspielzeit: 54:27 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Dave
2008-11-15 12:58:39 Uhr
Oh, bislang nur ein Beitrag? Die Platte hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Klar, die ewigen Wiederholungen von Textzeilen und Sound in einem Song nerven bisweilen, handwerklich ist das aber mit das Beste, was sogenannter Electro-Clash zu bieten hat. Die Stimmen der beiden Damen sind eh toll. Mein momentaner Favorit: I'm not scared mit Depeche-Mode-Industrial-Gedächtnis-Drumgewitter.
night porter
2008-05-26 20:52:58 Uhr
"Denn wo bisher bei jedem ihrer Alben ein gewisser Fortschritt zu verzeichnen war, treten die Liverpooler hier erstmals auf der Stelle."

Empfinde ich nicht so. Wo die grandiose Witching hour noch ausgesprochen hitverliebt und eingängig war, wirkt die neue Platte wie ein regelrechtes dunkles Brett. Der Sound hat sich doch wieder ein Stück entfernt, von dem was zuletzt geboten wurde, ist kantiger, "brachialer" geworden. Ladytron haben sowieso eine ziemlich interessante Entwicklung hingelegt von verspieltem Electropop hin zu einem Sound, der mittlerweile an die Frühphase der Cocteau Twins erinnert.

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