Tom Liwa - Evolution Blues

Tom Liwa- Evolution Blues

Normal / Indigo
VÖ: 05.06.2001

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Feuer und Flämmchen

Wenn Tom Liwa ans Lagerfeuer ruft, bleibt kein Auge trocken. Nach seinem Solodebüt "St. Amour", einem Rohdiamanten, in dem ein Dutzend aufrichtiger Chansons d'amour funkelten, gilt es nun zum zweiten Mal, Zeuge von dem zu werden, was sich vor Liwas innerem Auge abspielt. Die bedrohlichen Worte "Evolution blues" schweben bedeutungsschwanger über der Glut, die mit der Akustikgitarre um die Wette flüstert. Die Plätze ums Lagerfeuer sind knapp geworden. Man rutscht enger zusammen, und alle lauschen ehrfurchtsvoll der Evolution, die Liwa vollzogen hat.

Wer sich umblickt und die Runde mit den Augen streift, wird auch feststellen können, wie diese Weiterentwicklung stattgefunden hat. Bruder Weltanschauung und Schwester Selbstironie haben sich zu den alten Freunden wie Wehmut und Sehnsucht ans Lagerfeuer gesellt und erfüllen, ja vergiften, die Luft mit ihrem Karma. Sie haben das unscheinbare Stiefkind Liebe, das stets den Platz gegenüber von Tom Liwa inne hatte und ihn zu sehnsuchtsvollem Jauchzen oder zweifelndem Hadern hingerissen hat, in den Hintergrund gedrängt. Wenn sich amüsante Anekdoten wie von der "Freundin der Tänzerin, die kurz davor ist, aus dem Leim zu gehen mit ihren südländischen Augen und ihrem skandinavischen Piniengesicht" an Augenzwinkern wie "Nenn mich nie wieder Fliegengesicht!" oder Weisheiten wie "Das Leben besteht aus Sackgassen / Manche dunkel und eng, manche stolz wie Alleestraßen" reihen, fühlt sich jeder Zuhörer zu einem Schmunzeln oder einem anerkennenden Nicken hingrissen. Und doch ist sich jeder bewußt, lieber vom geheimnisvollen Etwas, das sich "Liebe" nennt, singen zu hören.

Man hört Liwa immer noch zu, und oft genug hält man inne, um sich zu fragen, weshalb so viel Wahrheit seine Worthülsen nicht längst zum Platzen gebracht haben. Daß sich Liwa wieder mehr auf den Sound seiner früheren Band Flowerpornoes zurückbesonnen und diesen neben vielfältigeren Stileinflüssen und Drumloops auch musikalischen Gästen wie Jungschauspieler Robert Stadlober geöffnet hat, wird ihm zwar niemand zum Vorwurf machen wollen. Unbedarfte Hörer werden "Evolution blues" gar ein wunderschönes Album heißen und haben nicht einmal unrecht damit. Als Enttäuschung wird "Evolution blues" nur für die Eingeweihten gelten. Doch für alle, die bereits seit Jahren stille Zeugen des Treibens am Lagerfeuer sind, die unzählige vergilbte und dadurch nur noch wertvoller gewordene Liebeslieder aus Liwas Westentasche zum Vergleich heranziehen können und schweren Herzens müssen.

"Etwas ist anders und etwas ist gleich" - denn irgendwann wird klar, daß es diesmal vielleicht doch nicht die Glut des Lagerfeuers ist, die man im Ohr beim Hören von Liwas Klängen glimmen spürt. Daß er die gute Stube der rauhen Wildnis vorgezogen hat. Wäre Liwa noch vermessener gewesen, hätte er das Album gleich "Revolution blues" betitelt. Er bleibt auf dem Teppich anstatt zu schweben. Teelicht statt Lagerfeuer. Räucherstäbchen statt Rauchschwaden. Sein statt Fühlen. "Liebe ist in der Luft", nicht mehr im Herzen. Es wird viel passieren. Warten wir es ab.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Evolution blues Pt 1
  • Funky sexy
  • Splitter im Auge
  • Evolution blues Pt 2

Tracklist

  1. Evolution blues Pt 1
  2. Konfuzius und der Wolf
  3. Funky sexy
  4. Psalm
  5. Splitter im Auge
  6. Mati
  7. Faultier
  8. In der kleinen Tartarei
  9. Evolution blues Pt 2
  10. Halbtot und häßlich
  11. Ökolution radioblues
  12. Liebe ist in der Luft
  13. Making of...
  14. Die Augen der Mutter
  15. Evolution outro blues

Gesamtspielzeit: 49:42 min.

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