Tommy Finke - Repariert, was Euch kaputt macht!

Tommy Finke- Repariert, was Euch kaputt macht!

Retter des Rock / Rough Trade
VÖ: 02.05.2008

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Hörenden Auges

Songlyrics zu lesen ist in etwa so sinnvoll, wie aus Sonnenstrahlen einen Kuchen zu backen. Denn wo der Blick oft nur zweidimensionale Oberfläche erspähen und Tiefe bestenfalls erahnen kann, geht es eigentlich um die Sättigung der Worte in Musik, die während das eine Auge noch lacht, dem anderen schon die Tränendrüse ausdrückt. Ähnlich schizophren benimmt sich der Gitarrenpop auf Tommy Finkes "Repariert, was Euch kaputt macht!". Er ist niemals schüchtern, aber immer wehmütig. Stets introspektiv, jedoch nie abschweifend. Trotz Bewusstseinsspaltung hält er stets das Gleichgewicht. Was sich ebenfalls vertrackter liest, als es sich anhört.

So strecken die Refrains von "Juliet", "Die Zeiten die vorbei sind" oder "Neunzehnneunundneunzich" allesamt die Arme weit aus und nach oben, reißen Wolkenlücken in die Songs und springen zugleich den Himmelskörpern entgegen. Heilsam und ermutigend, etwas komisch und voller Temperament - ganz so eben, wie so was sein muss. Auch "… daß die Sonne für Dich scheint!" formuliert seinen Wunsch zwischen E-Piano, Uptempo-Schunkelschlagzeug und final ebenso Selbstge"nanana"tem wie Handgeklatschem derart ast- und lupenrein, dass man Banjos klackern hört, wo eigentlich gar keine sind. Angesichts solch euphorisch gespielter Aufrichtigkeit leisten die Sportfreunde Stiller mittlerweile bestenfalls noch konzentrierte Abwehrarbeit vor ihrem eigenen Stil.

Finke selbst besitzt hingegen genau die generelle Grundangepisstheit in der Stimme, um sich zwischen Rio Reiser (ja, ja - der Albumtitel) und Kim Frank (doch, doch - die Wehmut) freizuspielen, rechts anzutäuschen, um dann links vorbeizuziehen. Nicht zu erwarten und schön zu hören, dass das gut gehen kann. Nur sehr selten geben die souverän durcharrangierten Stücke einen Takt vor, den der gemeine Alleinunterhalter allein durch die beharrlichste Vokalgymnastik seit "Wonderwall" wieder einholen kann. "Du bist Eis" etwa schlingert derart balladesk, dass die Selbstlaute vom nächsten Akkord mit dem Lasso eingefangen und herangezogen werden müssen. Worauf sich ein einsames "u" an den oberen Enden so sehr in die Länge biegt, bis man mit ihm die "Echt"heit von "Die Liebe die Du verschenkst" gleich mit und doppelt unterstreichen kann.

Unbedingt hervorzuheben ist aber auch die grundsätzliche Leichtigkeit, die "Repariert, was Euch kaputt macht!" durchzieht. Angestrengt wirkt Finke kaum einmal. Doch selbst dann kontert er mit großen Melodien, schnittigen Rhythmen, klaren Worten aus vollem Hals und emphatischer Kehle. Und schafft es so bei "Kein Tod ist umsonst", dass der Song sein textlich glasklar herausgestelltes Drama zum Überlebenden macht. Sich einschreibt, zum Gedenken wird. Die wirklich passenden Worte findet Finke jedoch erst ein Lied später: "Die Klinge geht, die Wunde bleibt / Treffen wir uns noch mal wieder, lass es morgen sein / Wir sind so frei." Große Lyrik, vielleicht nicht im Auge des Betrachters - aber definitiv im Ohr des Hörers.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Kein Tod ist umsonst
  • ... daß die Sonne für Dich scheint!

Tracklist

  1. Juliet
  2. Kein Tod ist umsonst
  3. Die Zeiten die vorbei sind
  4. Du bist Eis
  5. Bier and loathing in Las Vegas
  6. Repariert, was Euch kaputt macht!
  7. Die Liebe die Du verschenkst
  8. Neunzehnneunundneunzich
  9. Zeitverschwendung
  10. ... daß die Sonne für Dich scheint!

Gesamtspielzeit: 43:31 min.

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