Sun - Sun

Sun- Sun

Virgin / EMI
VÖ: 25.06.2001

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vermißmeinnicht

Erinnert sich noch jemand an die frühen Neunziger? Flanellhemden, zerrissene Jeans, zottelige Haare und jede Menge Bands, die es mehr oder minder gut verstanden, Lärm und Melodie zu verheiraten, brachten damals die alte Dame Mainstream auf die andere, die alternative Straßenseite. Neben den unnachahmlichen The Notwist waren die Mönchengladbacher Sun wohl die begabtesten Kuppler musikalischer Ausprägung, die Indie-Deutschland damals hervorbrachte. Metallische Riffs bekamen Flötentöne beigebracht, Grunge wurde mit Krautrock gepaart, und Songs wie "Stolen", "Family affairs" oder "Good morning you are braindead" sorgen auch heute noch für wohlig nostalgische Schauer unter den Eingeweihten. Gerade die brutal süßliche Intensität dieses Vierers wäre das Tüpfelchen auf dem I des einheimischen Indie-Rocks gewesen, das diesem seit Suns '96er Album "Nitro" abging.

"Someone you were missing will knock at your door" prophezeit Jörg Schröder gleich zu Anfang. Ganz unvermutet stehen Sun also wieder auf der Matte und alle Emotion, die sie schon immer zu transportieren wußten, kocht unerbittlich auf und versucht sich zu entladen. Doch die subtile Spannung, die sich mit hypnotischen Riffs und mantraartigen Beschwörungen gegenseitig hochkitzelt, findet kein Ventil. Immer wieder beginnen die repetitiven Strukturen an zu wackeln. Staubige Synthies wollen den vertrocknenden Gitarren entlastend zu Hilfe eilen, kommen aber piepsend vom Weg ab. Am Rande der Selbstauflösung jedoch ziehen sie sich gegenseitig wieder hoch. Musik wie ein Jenga-Spiel.

Der Mut zur experimentellen Lücke war für Sun schon immer schubladenverachtendes Konzept. Der Horizont diente lediglich dazu, erweitert zu werden. Auch auf "Sun" wirft man Erwartungen und Konventionen genüßlich über den Haufen und wendet sich dem Pop zu - alles ohne doppelten Boden und so LoFi wie möglich. Man greift verstohlen ins Regal der schönen Erinnerungen und staubt die alten Etiketten New Wave, Postpunk und Grunge ab. Solange es nur verschroben genug vor sich hin schrammelt, ist es für Schröders Mannen gerade recht. Wenn alles anders bleibt, ist der Weg das Ziel.

Doch dieser besteht nicht aus den Brettern der Vergangenheit. Der "professionelle Dilletant" am Mikrophon läßt unterwegs die Aggression im Keller und vertraut mal besinnlicher Melancholie, mal fast naiver Freundlichkeit. Nervenzerrend rauh und aufwühlend zurückgelehnt wirken dazu die Songs, die mit ihrer Rückbesinnung auf gestern den Sprung nach morgen schaffen. So könnten Pearl Jam heute klingen, hätten sie einst statt Altmeister Young die magische "12" von The Notwist in ihr Koordinatensystem aufgenommen. "Now it's gonna be what it's meant to be / So beautiful, so beautiful." Diese Schönheit ist ungeschminkt.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Wheely
  • Wildpitch
  • Wild rose, my heart
  • Razorblades

Tracklist

  1. Someone
  2. This is for me
  3. Wheely
  4. Wildpitch
  5. What it's meant to be
  6. This frog's gonna jump
  7. Wild rose, my heart
  8. Different those days
  9. Razorblades
  10. Dead men talking
  11. Yet

Gesamtspielzeit: 48:10 min.

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