Scarlett Johansson - Anywhere I lay my head

Scarlett Johansson- Anywhere I lay my head

Rhino / Warner
VÖ: 16.05.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kühles Blondes

Manche lernen es auf die harte, andere auf die sanfte Tour. Früher oder später kapiert aber doch jeder Junge: Mit Barbies spielt man nicht. Selbst wenn es als praxisorientiertes Lernen für den Biologieunterricht der Unterstufe getarnt wird oder man zum Babysitten der kleinen Schwester verdammt wurde, weil Mutti neuen Schnaps kauft – was nicht geht, geht nun mal nicht. Einzig denkbare Ausnahme: Man ist Dave Sitek, Gitarrist, treibende Kraft und musikalischer Neurochirurg bei TV On The Radio. Es muss angenommen werden, dass einschränkende Halbsätze in seiner Welt nicht existieren, alles, was ihn lahmlegen könnte, durch seine komische Fischaugenbrille gar nicht wahrnehmbar ist. Anders jedenfalls lässt sich kaum erklären, wie er im Beisein von guten Freunden, Absichten und der westlichen Welt mit Amerikas teuerster Barbie spielen konnte.

Locker das schrägste Mainstream-Projekt der letzten fünf Musikjahre: Scarlett Johansson singt Tom Waits. Bis vor kurzem war sie Hollywoods viel versprechendste Schauspielerin unter 25. Dann kam Ellen Page, und jetzt geht sie halt shoppen in der abgewracktesten, gefährlichsten Diskographie, die für so etwas vorstellbar ist. Johansson hatte einen rührenden Karaoke-Auftritt in "Lost in translation", sie sang letztes Jahr beim Coachella Festival mit The Jesus & Mary Chain und war außerdem Sidekick in zwei Musikvideos (heißes Rumfummeln mit Bob Dylan und lahmes Rumfahren mit Justin Timberlake). Waits-Puristen sollten sich also im Bourbon ersäufen, so lange es noch geht. Alle anderen dürfen darauf vertrauen, dass man für so ein größenwahnsinniges Vorhaben wie "Anywhere I lay my head" gar nicht zu wenig Vorwissen haben kann.

Weil, ehrlich: Theoretische Musikkenntnisse, Notenlesen, eine fachmännisch ausgebildete Stimme? Alles Dinge, die ohnehin nur stören würden, wenn man Waits bei den Hörnern packen will. Die wichtigste Entscheidung für dieses Projekt hatte dann auch gar nichts mit Johansson zu tun – sie wurde getroffen, als man "Anywhere I lay my head" in die Hände von Sitek und seiner New York Giants des Weirdo-Rocks legte. Yeah Yeah Yeah Nick Zinner ist dabei, Sean Antanaitis von Celebration und David Bowie als Generationen verbindender Backgroundsänger in "Fannin’ street" und "Falling down". Die Geister, die über dieser Platte schweben, sind aber natürlich Waits und seine Ehefrau/Co-Autorin Kathleen Brennan. Sitek hat sie abwechselnd beschwört oder dem Album ausgetrieben. Was er wann und wie gemacht hat, ist ohnehin das Spannendste an "Anywhere I lay my head".

Johanssons Aufgabe war dabei, erstens nicht im Weg zu stehen und zweitens so gelangweilt und desinteressiert zu singen, wie sie in der ersten halben Stunde von "Lost in translation" guckt. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sich "Anywhere I lay my head" vor allem der Ästhetik des bis heute definitiven Johansson-Films verpflichtet und geradezu schreiend aufdrängt als alternativer Soundtrack für einen DVD-Special-Edition. Sitek hat alles auf der Platte in Nebelschwaden verhüllt, den undurchdringlichen, vielschichtigen Trademark-Sound von TV On The Radio als Sicherheits-Grundlage beibehalten und darauf mit Kullerorgel, Shoegazer-Schlagzeug, jeder weiteren denkbaren Percussionart und demonstrativ eigensinnigen Bläsern herumprobiert. Er nennt das Ergebnis "Tinkerbell auf Hustensaft" und weiß natürlich, dass man sich auch mit scheinbar harmloser Medizin ganz hervorragend zudröhnen kann.

Nach kurzem Spannungsaufbau mit dem elegant durch die Schrottpresse gedrehten Instrumental "Fawn" geht deshalb Folgendes: eine nachtschwarze, praktisch unkenntlich gemachte Version des "Swordfish trombones"-Standouts "Town with no cheer" mit ausgeleierter Hammond, sturem Saxophon und Vegas-Grandezza, aber ohne das Dudelsack-Intro des Originals. "I wish I was in New Orleans" als Schlaflied-Variante mit Albtraumgarantie und nachträglich verwackeltem Xylophon. "Falling down" als Vollnarkose-Walzer mit Glockenspiel, brillant deplatziertem Banjo und Bowies Absegnung, natürlich. Das perkussive, mit Störgitarre angegangene "Green grass", das den Waits-Stempel noch am deutlichsten trägt. Der etwas zu schmalzig geratene Apathiker-Singkreis von "Fannin’ street". Und die sehr bedächtig eingefügte Sitek/Johansson-Komposition "Song for Jo", die im Umkehrschluss auch problemlos als Coverversion von Waits vorstellbar wäre.

Johansson kann sich dabei dem unbedeutendten Vorwurf nicht entziehen, keine gute Sängerin zu sein, ungefähr so, wie auch Nico keine gute Sängerin war. Ihr dünner, an ihrer Sprechstimme gemessen enttäuschend unmarkanter Gesang drängt nie ins Zentrum der Songs, verdirbt deshalb auch nichts, kann aber ebenso wenig die Lieder entscheidend bereichern. Ihr muss man deshalb vor allem zugute halten, dass sie hier überhaupt mitspielt, einem Nerd wie Sitek die Möglichkeit gibt, seine ausgezeichneten Dachschäden auf breiter Ebene vorzuführen und noch dabei ihren guten Ruf riskiert. Nichts wäre einfacher gewesen, als ein Album mit seichten Bar-Jazz-Standards auf ihre Marlboro-Lights-Stimme zuzuschneiden. Stattdessen ist sie nun Hauptdarstellerin eines zauberhaft schrägen Projekts, das nie so schräg ist wie die Erfahrung, Scarlett Johansson bei so etwas Schrägem zu erleben. Sicher ihr mutigster Auftritt - wenn man "Arac attack" mal außen vor lässt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Town with no cheer
  • Falling down
  • Anywhere I lay my head
  • I wish I was in New Orleans

Tracklist

  1. Fawn
  2. Town with no cheer
  3. Falling down
  4. Anywhere I lay my head
  5. Fannin' street
  6. Song for Jo
  7. Green grass
  8. I wish I was in New Orleans
  9. I don't want to grow up
  10. No one knows I'm gone
  11. Who are you

Gesamtspielzeit: 44:53 min.

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Castorp

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Registriert seit 14.06.2013

2013-09-05 20:10:05 Uhr
Immer noch sträflich unterschätzte Platte!

8/10
wedel
2011-02-28 14:56:09 Uhr
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-65146-14.html
last goodbye
2010-10-09 11:34:05 Uhr
http://www.youtube.com/watch?v=gfLtyJAASfc
Schweinchen Dick
2009-09-12 03:01:38 Uhr
Hört sich eher wie grunzen an.
Heulender Vogel
2009-09-11 23:21:30 Uhr
Definitiv!

Aber was hat sie da bloß an? x(
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