Madonna - Hard candy

Madonna- Hard candy

Warner
VÖ: 25.04.2008

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Lack ab und Leder

Mal ehrlich: Irgendwie waren die ganzen Queens, Kings, Princesses und Princes of Pop immer noch dann am besten, als noch niemand so recht wusste, welche Titel sie mal verliehen bekommen würden. George Michael, Prince, Michael Jackson - für was waren sie nicht alles verantwortlich: für sexuelle Liberalisierung, die bilderschwingende Öffnung der Popgesellschaft zur differenzschaffenden Twilight Zone und die linkspopulistische Aufbrechung verhärteter Kulturindustrie-Fronten allemal. Das Problem an der ganzen Kiste: Sie funktioniert nur in der Retrospektive. All das, was hier verhandelt wurde, war per definitionem schon ein paar Jährchen her. So bekam Wacko Jacko die Krone erst auf den Kopf gesetzt, als er gerade drauf und dran war, sich zwischen "Bad" und "Dangerous" sämtliche Zacken auf einmal aus ihr zu brechen. Gegen retrospektive Lobhudelei kann egal welches Alterswerk von egal welchem Pop-Aristokraten halt nur noch abstinken.

Aus dem Klüngel rausgehalten hat sich eigentlich immer nur Madonna. Dennoch glauben heutzutage nur noch Grinsebacken wie Thomas Herrmanns oder mentale Solen-Abbaugebiete wie die taff-Redaktion, dass sie nach wie vor Stile kreieren oder die Pop-Welt wirklich durcheinanderwirbeln würde. Zugleich gute und schlechte Karten also für ein Album wie "Hard candy", auf dem Madonnas - laut Cover - erneut weit geöffneter Schoß mal wieder alles versammelt, was … vor zwei/drei Jahren Rang und Namen hatte. Die Rückkehr von Madonna ist ebenso die von Timbaland und Pharrell Williams. Hat diese gar nichts mehr zu verlieren, so die beiden Vorzeigeproduzenten wenigstens ihren guten Ruf. Leider gibt es nicht eben viel auf "Hard candy", was der Ehrenrettung dienen könnte.

Dass etwa die Vorabsingle "4 minutes" derart misslungen ist, liegt an der unheilvollen Kombination von timbalandschen "Ah"s und "Ey"s mit Madonnas immer unmarkanter werdender Stimme und den sexy Kapriolen Justin Timberlakes, der den Namen der Queen allein deshalb durch den Song zu rufen scheint, damit ihre Anwesenheit überhaupt irgendjemandem auffällt. Auch sonst erweckt "Hard candy" häufig den Eindruck, als ob der Clash längst ausgemusterter Gesten als einziges kreatives Potential wirken soll. Madonna entschwindet stimmlich zu einem weißen Rauschen in der Urban-Club-Night, die sie eh nie so recht verstanden hat - wo es auf den House-inspirierten Platten zum Beginn des Jahrtausends deutlich passender säuselte, braucht es hier Kraft auf den Stimmbändern. Die aber besitzt Madonna nach wie vor nicht, und bei Timbalands immergleichen Bassfrequenzen weiß man inzwischen auch nicht mehr, ob man ihn einfach den Dieter Bohlen des R'n-Hops nennen und final abwinken soll. Die von Williams betreuten "Give it 2 me", "Incredible" und "She's not me" gehen hingegen in der Tat neue Wege, verschmelzen 80er-Disco-Bässe mit wahlweise Techno-Synthies, Taucherglocken-Beats oder schockgefrosteten Funk-Gitarren und locken in ihren zusammenstolpernden Zwischenparts auch Madonna immer wieder aus der Reserve.

Wie aber soll es "Hard candy" schaffen, nach außen sozial übergreifenden Konsens herzustellen, wenn es im Inneren selbst kaum über genau die auf- und abspaltende Selbstaufwertung hinauskommt, die alle Jamba-Abonnenten dieser Welt zur finalen Schulhofklingeltonschlacht vereint? Damit das Scheitern der Platte wenigstens aus den Handy cards ordentlich tönt, schmiegt sich "Hard candy" eng an seine via Mobile-Downloads neu strukturierte Vermarktungslogik und orientiert seine Musik danach, den kleinsten gemeinsamen Nenner möglichst laut herauszuposaunen. Die hierdurch bedingte Atomisierung der Hörer zu Nutzern läuft aber Madonnas Anliegen, Welt- und Superstar zu sein, entgegen. Das spaltet eher, als dass es (sich) im Club zusammen schweißt. Und findet seinen Spiegel in der im Inneren gespaltenen Musik. Deshalb hat die Cover-Pose vielleicht ein erstes Mal tieferen Sinn, weiß Madonna doch weder der feindlichen Übernahme mancher Gesangslinie durch Timberlake noch der kreativen Bankrotterklärung ihrer Produzenten wirklich etwas entgegenzusetzen. Sie duckt sich nicht nur, sie taucht ab. The queen has left the building.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Give it 2 me
  • She's not me

Tracklist

  1. Candy shop
  2. 4 minutes (featuring Justin Timberlake & Timbaland)
  3. Give it 2 me
  4. Heartbeat
  5. Miles away
  6. She's not me
  7. Incredible
  8. Beat goes on (featuring Kanye West)
  9. Dance 2night
  10. Spanish lesson
  11. Devil wouldn't recognize you
  12. Voices

Gesamtspielzeit: 56:22 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Frost
2009-07-22 10:47:00 Uhr
ich find man kann die eben mögen oder nicht mögen respekt verdient sie definitiv..
interessant find ich allerdings solche rankings: very-internet-person.de, wo Madonna gegen Wickie deutlich in Sachen Präsenz im Internet verliert :D
lüdgenbrecht™
2008-11-05 22:58:46 Uhr
Mit nur knapp über 3 Millionen verkauften Exemplaren hat Madame mit diesem Studioalbum den mit Abstand größten Flop ihrer Karriere hingelegt. Was mich wirklich erstaunt ist, wie überraschend kongruent doch die Qualität und der Absatz ihrer Tonträger im Vergleich zu anderen Top-Artists über die Jahre hinweg ist.
Miles
2008-10-22 08:38:41 Uhr
@ nörtz

Welche Songs von ihr gibts als Klingelton?

Künstlerischere Videos und Liveauftritte + Touren die den Ansprüchen einer kommerziellen Popikone gerecht werden!

Selbstständige, kreative Songwriterin.
The MACHINA of God
2008-10-21 22:23:49 Uhr
Aber er hat ja vollkommen recht.
nörtz
2008-10-21 21:38:31 Uhr
@Miles

Gut produzierte Hits für die Klingelton-Generation wohl eher.

Null künstlerischer Anspruch!

Eine Ikone des Kommerz!
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