Faithless - Outrospective

Faithless- Outrospective

Cheeky / Arista / BMG
VÖ: 18.06.2001

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die Schlafwandler

"I can't get no sleep." Wie ein Fanal legte sich diese Zeile Mitte der Neunziger über die europäische Clublandschaft. Faithless waren gekommen, hatten mal eben House und TripHop unter einen Hut und mit "Insomnia" eine Hymne sondergleichen unters tanzwütige Volk gebracht. Die Nachahmer schossen wie Pilze aus dem Boden, wurden aber alsbald vom Ideenreichtum des kreativen Kollektivs wieder untergepflügt. Statt sich auf die Erfolgsschablone Marke "Malen nach Zahlen" zu verlassen, holten Rollo, Sister Bliss und Maxi Jazz bereits auf dem platinveredelten Debütalbum "Reverence" den eigenen, klecksenden Farbkasten heraus. Alles, was nach Klangfarbe aussah, wurde geschnappt und im brodelnden Studio-Topf versenkt: HipHop, Soul, Funk, Folk, R'n'B, House, Rare Groove, Blues, Synthpop - Alles kräftig umgerührt und fertig war der Rave.

Die Ausnahmestellung von Faithless in der Clubszene beweisen auch die überaus schweißtreibenden Konzerte, bei denen der charismatische Frontredner Jazz einem Hypnotiseur gleich die Massen in Bewegung versetzt, während eine punktgenau groovende Truppe im Hintergrund für den Baßbums im Bauch sorgt. Der würdige Nachfolger von eklektizistischen Highlights wie "Salva mea" und "God is a DJ" heißt diesmal "We come 1". Dieser zukünftige Händerecker durchnäßter Massen ist ein gefräßiges Monster. Knurrende Bässe, spitze Loops und ein unersättlicher Sägezahn von Melodie knabbern am Geduldsfaden des Hörers, derweil sich Jazz' Verse völkerverbindend versuchen: "I'm the left eye / You're the right / Would it not be madness to fight?"

Doch während anderswo die Beats durch die Decke gehen, erklettern andere Basteleien ihre Höhen auf gänzlich entgegengesetzten Routen. Da kreuzt man Dub mit Philly Soul um dem großen "Muhammad Ali" zu huldigen, da kriecht "Tarantula" vorlaut bollernd durch technoid latinisierte Soundtracks, da seufzt eine verzagte Stimme "There's not enough love" über schluchzenden Gitarren, da zerrt "Machines R us" verstaubte Bleeps und Klonks aus dem Schrank und schmeckt doch taufrisch. Selbst Rollos Schwesterchen Dido darf ihr chartsgeprüftes Organ bei "One step too far" in den Dienst der Mannschaft stellen. Kaum setzt der flockige Rhythmus ein, um ihrer verliebten Melodie Beine zu machen, geht plötzlich doch noch die Sonne über den düster zuckenden Visionen auf, die "Outrospective" bislang zu beherrschen schienen.

Wer nach Wegwerf-Beats und Kaugummi-Melodien sucht, ist auch auf Faithless' drittem Album definitiv an der falschen Adresse. Was vordergründig nach Sommer, Sonne, Ibiza klingt, entpuppt sich mitunter als regnerische Herbstuntermalung. Stimmung kommt hier nicht von vielstimmigem Ballermann-Gegröhle, sondern ausschließlich von stimmigen Songs fast ohne Leerlauf. Unbeirrt stampfen die Tracks in eine stroboskop-durchzuckte Düsternis. Sister Bliss betupft sie mit zarten Texturen, Mastermind Rollo modelliert knusprige Details hinzu, und Jazz scheint in seiner Rolle als buddhistischer Prediger aufzugehen. Sein Mantra ist unwiderstehlich: Leben ist Tanzen, Tanzen ist Leben.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Not enough love
  • We come 1
  • Muhammad Ali

Tracklist

  1. Donny X
  2. Not enough love
  3. We come 1
  4. Crazy english summer
  5. Muhammed Ali
  6. Machines R us
  7. One step too far
  8. Tarantula
  9. Giving myself away
  10. Code
  11. Evergreen
  12. Liontamer

Gesamtspielzeit: 58:02 min.

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