White Williams - Smoke

White Williams- Smoke

Double Six / Domino / Indigo
VÖ: 25.04.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Wackelkontakt

Zum Künstlerdasein gehört ja bekanntlich eine gesunde Portion Extravaganz dazu. Dem französischen Hochseilartisten Jean François Gravelet-Blondin etwa war es Mitte des 19. Jahrhunderts schlicht zu langweilig, die Niagarafälle einfach nur auf einem schnöden Seil zu überqueren. Daher rollte er mal eine Schubkarre vor sich her, mal trug er seinen Manager auf dem Rücken - oder er machte sich auf halbem Wege ein Omelett. Die Sonderwünsche heutiger Popdiven, die im Hotel nur Schokolade mit exakt 41,83% Kakaoanteil auf ihrem Tellerchen haben wollen, weil sie sich andernfalls den Strapazen eines Auftrittes nicht gewachsen fühlen, wirken dagegen geradezu gewöhnlich. Joe Williams, ein schmächtiges Kerlchen aus dem nicht gerade für besonderen Glamour bekannten Cleveland, Ohio, hat für das Cover seines Debütalbums "Smoke" immerhin das transsexuelle New Yorker Model und Club-Kids-Mitglied Sophia Lamar gewinnen können. Das allein böte allerdings kaum genügend Anreiz, sich "Smoke" zuzulegen. Williams hat jedoch auch den Inhalt der Platte derart verschroben gestaltet, dass man gerne erfahren würde, woher er wohl seine Drogen hat.

Denn wüsste man nicht, dass "Smoke" über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg entstanden ist, man könnte glatt meinen, die Platte wäre von ein paar Alkoholleichen auf der Reeperbahn nachts um halb drei aufgenommen worden. Zunächst einmal sind die Stücke eigentlich sehr simpel. Grundlage sind einfache Laptopbeats und Williams' nerdiger Gesang, der ein wenig an Hot Chips Alexis Taylor erinnert. Abgesehen davon, dass Williams ein Händchen für einprägsame Melodien hat, sind es aber dann die Disharmonien, die schrägen Sounds und ein permanentes Neben-der-Spur-Hängen, die "Smoke" zu einem Erlebnis werden lassen. Um das zu erreichen, hat Williams die Sounds klein geschnipselt, gepitched, in die Zentrifuge gesteckt, im Ofen aufgebacken oder sonst wie bearbeitet, um sie am Ende wieder falsch herum zusammenzukleben. Heraus kommen dabei Stücke wie "In the club", das sich anhört, als hätte eine Gruppe von Eichhörnchen auf Helium im Studio mit Helge Schneider gejammt. Das beschwingt groovende "Going down" hingegen erinnert an Paul Simons "Graceland"-Zeit. Mit "Lice in the rainbow" folgt ein Klangexperiment, das seinem Titel entsprechend ("Läuse im Regenbogen") aufgeregte Insektenmusik ist.

Und so findet sich in jedem Song eine neue wüste Kombination abseitiger Einfälle. Im Opener brummen ein paar Helgoländer Krabenkutterkapitäne ein monotones "Headlines" ins Mikro, während im Dancegroove drumherum mal wieder alles wie mit Wackelkontakt fiept und zwitschert. Im Titelsong hingegen plönkert der Bass als würde Oma Krause mit ihren gichtigen Händen den Funk entdecken. Große Songwriterkunst sind diese DIY-Stücke natürlich nicht. Sie sind eher wie ein fröhlicher Kindergeburtstag, bei dem jeder der eingeladenen Pimpfe ein Instrument quälen darf. Aber wer ein richtiger Künstler werden will, muss eben auch mal neben der Spur laufen. White Williams macht's vor.

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • Headlines
  • In the club
  • Going down

Tracklist

  1. Headlines
  2. In the club
  3. New violence
  4. Going down
  5. Lice in the rainbow
  6. Violator
  7. Smoke
  8. The shadow
  9. Danger
  10. Route to palm

Gesamtspielzeit: 35:28 min.

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