Nine Inch Nails - Ghosts I-IV

Nine Inch Nails- Ghosts I-IV

The Null Corporation / Indigo
VÖ: 18.04.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

WikiMedia

Trent Reznor gibt nicht auf. Er macht jetzt immer weiter und weiter. Der ehemalige Perfektionist, der seinen Schöpfungen einst höchstens alle vier bis fünf Jahre erlaubte, das Studio zu verlassen, entpuppt sich seit seiner überstandenen Drogensucht als ungemein produktiv. Erst im letzten Jahr begeisterte nicht nur seine dystopische Großtat "Year zero" in gleich doppelter Ausführung. Er assimilierte auch den sprechsingenden Vorzeigequerdenker Saul Williams in Borg-Manier und schnitt ihm mit allerlei Nanosonden und anderem technischen Gerät "The inevitable rise and liberation of Niggy Tardust" aus dem schwarzen Leib.

Daneben blieb nicht nur Zeit für einen zornigen Rundumschlag gegen die mafiösen Ausbeutungsstrukturen der Musikindustrie, sondern auch gleich für den Aufbau des Auswegs aus dieser ehemals selbstgewählten Unmündigkeit. "Y34RZ3R0R3M1X3D", die beiliegenden Studiospuren und die parallel aufgezogene Remix-Plattform waren aber erst der Anfang. Die Musik von Nine Inch Nails steht ab jetzt unter einer Creative-Commons-Lizenz: Jeder darf die Tracks umsonst für kreative Weiterverarbeitung nutzen, wenn er diese Weiterverarbeitung ebenfalls frei verfügbar macht. Das meinte Reznor dermaßen ernst, dass er höchstpersönlich "Ghosts I", die erste der hier zusammengefassten vier EPs, auf einen BitTorrent-Server hochlud.

Entstanden ist die passende Musik in ein paar Wochen im vergangenen Herbst. Reznor schloss sich mit den Gefährten Atticus Ross und Alan Moulder vermutlich irgendwo im Dunkeln ein. Ein paar Gäste wie Adrian Belew (King Crimson), Brian Viglione (The Dresden Dolls) und Alessandro Cortini (Modwheelmood) stiegen gelegentlich mit hinab. Es war unfröhliches Experiment, das die "Ghost"-Sessions prägte. 36 minimalistische, reduzierte und fragmentarische Impressionen, die sofort unverwechselbar als Reznorsche Klangschöpfungen erkannt werden, aber völlig ohne den Wiedererkennungswert seiner Stimme auskommen müssen. Damit die Zuordnung noch ein wenig schwieriger wird, werden die drei Dutzend Tracks dieser Doppel-CD konsequent durchnumeriert. Und im Zuge der Gleichschaltung haben auch alle anderen Veröffentlichungen, die vom Digital-Only-Release bis zur selbstredend längst ausverkauften Ultra-Edel-Box für 300 US-Dollar reichen, die gleiche Tracklist. Der Mehrwert liegt einzig in der Aufmachung.

Was aber auf keinen Fall heißen soll, die Musik hätte es nicht in sich. Im Gegenteil: Der Verzicht auf Gesang erlaubt es Reznor, sich noch ein wenig mehr von den Popstrukturen zu lösen, gegen die sich der Krachmacher in ihm nie so recht durchsetzen konnte. Natürlich hat auch "Ghosts I-IV" tief im Inneren diese sanft heimtückischen Melodien, die sich ins Hirn fräsen und mit den Synapsen Billard spielen. Aber sie stehen nicht im Vordergrund. Dort tummeln sich schabende Gitarren, zerfließende Klaviere und durch allerlei Filter gepresste Etwasse. Klirrende Unruhe wie "Ghosts III 21", gedämpfte Skepsis wie "Ghosts II 12", fieses Treiben wie "Ghosts II 14" oder "Ghosts IV 32" und tastende Unvollkommenheit wie "Ghosts IV 34". Es ist mulmige Stille und bedrückender Lärm zugleich.

Man kennt derlei von Alben wie "The downward spiral" oder "The fragile", wo solche Zwischenspiele für vermeintliche Erleichterung sorgen sollten, aber für noch mehr Alpträume standen. Hier jedoch stehen sie im Mittelpunkt und stellen sich wacker der Aufgabe, die Tiefe selbst entwickeln zu müssen. Manches kommt einem bekannt vor, einigem wünschte man vielleicht Reznors Stimme herbei, um den Fokus zu finden. Doch selbst wenn man sich einige der 36 Tracks als Vorlage für voll ausgestatteten Nine-Inch-Nails-Krachpop vorstellt, funkelt "Ghosts I-IV" mit eigenem Schwarzlicht. Man hört es, als ob man in die Sonne schaut. Es bleibt ein seltsames Echo im Trommelfell zurück. Und mit den Ohren kann man nicht einmal blinzeln.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Ghosts I 9
  • Ghosts II 12
  • Ghosts IV 28
  • Ghosts IV 32
  • Ghosts IV 35

Tracklist

  • CD 1
    1. Ghosts I 1
    2. Ghosts I 2
    3. Ghosts I 3
    4. Ghosts I 4
    5. Ghosts I 5
    6. Ghosts I 6
    7. Ghosts I 7
    8. Ghosts I 8
    9. Ghosts I 9
    10. Ghosts II 10
    11. Ghosts II 11
    12. Ghosts II 12
    13. Ghosts II 13
    14. Ghosts II 14
    15. Ghosts II 15
    16. Ghosts II 16
    17. Ghosts II 17
    18. Ghosts II 18
  • CD 2
    1. Ghosts III 19
    2. Ghosts III 20
    3. Ghosts III 21
    4. Ghosts III 22
    5. Ghosts III 23
    6. Ghosts III 24
    7. Ghosts III 25
    8. Ghosts III 26
    9. Ghosts III 27
    10. Ghosts IV 28
    11. Ghosts IV 29
    12. Ghosts IV 30
    13. Ghosts IV 31
    14. Ghosts IV 32
    15. Ghosts IV 33
    16. Ghosts IV 34
    17. Ghosts IV 35
    18. Ghosts IV 36

Gesamtspielzeit: 109:59 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Ernst Heft
2011-07-16 01:19:46 Uhr
rent a treznor
01.02.2011 - 12:24 Uhr
der kann halt nicht mehr anders. ich bin ja dafür, dass er wieder drogen nimmt und es ihm schlecht geht, dann kann man evtl wieder mit richtig guter musik rechnen.


Ouch... das war wohl so ziemlich das dümmste Posting überhaupt auf PT.

http://en.wikipedia.org/wiki/Trent_Reznor#Drug_abuse_and_depression

Sowas wünscht man doch echt keinem. Mit Depression und Sozialphobie hatte ich leider auch schon einige Erfahrung.
Volker Mord
2011-07-14 02:20:08 Uhr
günstig:

http://cgi.ebay.de/Ghosts-I-IV-Nine-Inch-Nails-/170632968767?pt=B%C3%BCcher_Unterhaltung_Music_CDs&hash=item27ba847a3f
Maulwurf
2011-02-01 16:06:22 Uhr
Eher unterirdisch.
Wolffather
2011-02-01 16:03:49 Uhr
sehe ich ähnlich wie Demon Cleaner, The Slip ist IMO die erste Platte, wo er sich widerholt bzw. nichts neues probiert
Demon Cleaner
2011-02-01 16:01:54 Uhr
naja, die 90er sind vorbei...als man zu pretty hate machine, downward spiral und the fragile noch deutliche unterschiede hören konnte.

Also zwischen "With Teeth" und "Year Zero" höre ich ganz gewaltige Unterschiede - bei letzterem auch ganz klar die Abgrenzung zu den 90er-Werken.
Und "Ghosts" mag man finden, wie man möchte, aber es geht auch in eine andere Richtung.
Lediglich "The Slip" war mir zu sehr Mischmasch aus bereits genanntem.
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