Gisbert zu Knyphausen - Gisbert zu Knyphausen

Gisbert zu Knyphausen- Gisbert zu Knyphausen

Omaha / PIAS / Rough Trade
VÖ: 25.04.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Use your disillusion

Man muss erst einmal müde genug sein, um zu ignorieren, dass es fünf vor zwölf ist. Desillusioniert genug, um dem Spuk der emotionalen Geisterstunde keinen Glauben mehr zu schenken. Gleichgültig genug, um die Augenringe zu vergessen, deren Gravur die zittrige Handschrift schlafloser Nächte und ungenutzter Tage trägt. Und dann, wenn der Glockenschlag nur noch ein Schulterzucken entfernt ist, beginnt das Herz plötzlich doch, einen Countdown zu stolpern. Lethargie ist eben nichts weiter als Euphorie im Stand-by-Modus.

Genau an dieser Stelle schaltet sich Gisbert zu Knyphausen, Jahrgang 1979, ein. Mit seiner als Debütalbum getarnten Studie über die Schiffbrüchigen des Alltags, die gerade noch so den Kopf über Wasser halten können und trotzdem nicht verlernt haben, Land zu sehen. Zumindest hin und wieder. "Es ist zwölf / Ich bin gespannt, was sich ändert" - das lakonische Protokoll einer Silvesternacht macht den Anfang. Man hört das rastlose Bunt der Raketen über die Gitarrensaiten huschen, kann erahnen, wie die schneidende Kälte dem gutmütigen Rhythmus diabolisch zuprostet, und spürt die hoffnungsschimmernden Klavierakkorde; jeder für sich eine warme, ungekünstelte Neujahrsumarmung.

"Erwischt" klingt unverwechselbar nach zu Knyphausens Wahlheimat Hamburg; nach Landungsbrücken, Regenwetter und Astra. Sein Glück hingegen ist im Diffusen zu Hause - im Dickicht der Dunkelheit, im sanften Rausch der Unvernunft, in der geteilten Einsamkeit. "Schenk' Du uns die Drinks ein / Ich schütte Dir mein Herz aus", das ist der Deal. Die Realität ist natürlich ein bisschen komplizierter - "Wer kann sich schon entscheiden?" Manchmal muss ein Mann dann einfach tun, was ein Mann tun muss: Er zieht sich seinen Cowboyhut in die sorgenfaltige Stirn und durchmisst mit rustikaler Klampfe und Bottleneck-Melancholie seine eigene Unentschlossenheit.

Irgendwann wirft er dann das Lasso nach der Liebe - "Der Blick in deinen Augen" betäubt immerhin für knapp vier Minuten alle Zweifel. Der dramaturgische Höhepunkt liegt jedoch woanders: Im schonungslosen Selbstgespräch "Spieglein, Spieglein", das die Misere des Antriebslosen in Begleitung einer dissonant angeschrägten Akustikgitarre auf die Anklagebank schickt. Dabei muss man ja eigentlich zugeben, dass diese würdevolle Opferrolle zu Knyphausen außerordentlich gut steht. Alleine schon wie er in "Herzlichen Glückwunsch" zu brokatschwerer Instrumentierung "Wo die Verwundeten wohnen / Da will ich sein" singt - das verdient viel mehr als bloß eine Tapferkeitsmedaille. Nämlich jede Menge Aufmerksamkeit.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Neues Jahr
  • Erwischt
  • Herzlichen Glückwunsch

Tracklist

  1. Neues Jahr
  2. Erwischt
  3. Wer kann sich schon entscheiden?
  4. Der Blick in deinen Augen
  5. Flugangst
  6. Spieglein, Spieglein
  7. Herzlichen Glückwunsch
  8. Gute Nachrichten
  9. Kleine Ballade
  10. Sommertag
  11. So seltsam durch die Nacht
  12. Verschwende deine Zeit (Gisberts Blues Nr.135)

Gesamtspielzeit: 49:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Mr. Rail
2012-10-24 19:28:23 Uhr
Gisbert schreibt auf facebook:

Es sollte das Ausnahmekonzert für meine Band und mich in einer ansonsten von Kid Kopphausen geprägten Konzertsaison werden -- nun ist es so oder so eine Ausnahme, nämlich das bisher einzige Konzert in einer ansonsten eher spielfreien Zeit:
Mein Stammlabel PIAS feiert am 13. Dezember 30-jähriges Jubiläum mit einem tollen Konzertabend im Berliner Postbahnhof.
Es spielen auf:

I AM KLOOT
GISBERT + BAND (ca. 60-70 min)
LISA HANNIGAN
ANDY BURROWS
GHOSTPOET
NICOLAS STURM & DAS KLINGEN ENSEMBLE

13.12.2012
Postbahnhof -- Berlin
Tickets: ca. 31 euro
@...
2011-02-07 14:06:20 Uhr
Na, müde? Dann leg Dich schlafen.

2011-02-07 13:58:14 Uhr
Gääääähn!
Biba Butzemann
2011-02-07 13:52:50 Uhr
Nach wie vor eine großartige Scheibe. Eine meiner absoluten Favoriten.

Nur Spieglein, Spieglein hat sich etwas abgenutzt, höre ich aber dennoch immer wieder gerne.

9/10
Obrac
2011-02-07 13:45:41 Uhr
Textlich mag ich das Ende, der Anfang mit dem kotzenden Mann ist mir da irgendwie zu...gewollt? :-)

Finde ich ehrlich gesagt auch ziemlich geil, die Zeile ;)

Den besten Text des Albums hat für mich "Wer kann sich schon entscheiden?", vielleicht auch weil ich dazu viel persönlichen Bezug finde. Geht mir allerdings sehr oft mit Zeilen von ihm so.

Das spielt natürlich auch immer eine große Rolle beim Empfinden von Songtexten. Jetzt, wo du es sagst, geht mir das auch mit "kleine Ballade" so
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