Jamie Lidell - Jim

Jamie Lidell- Jim

Warp / Rough Trade
VÖ: 02.05.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

White man can jump

Als Hannibal 218 v. Chr. nach seiner legendären Alpenüberquerung an die Tore Roms klopfte, zeigte man sich dort einigermaßen überrascht ob des unerwarteten Besuchs. Als dann wenig später Rahn schießen musste, rieben sich die Ungarn verwundert die Augen. Und als vor drei Jahren ein schlaksiges englisches Weißbrot namens Jamie Lidell plötzlich Funk aus allen Poren schwitzte, machte sich auch in der Musikwelt ungläubiges Staunen breit. Nicht, dass mit Lidell der weiße Stevie Wonder vom Himmel gefallen wäre. Aber für einen, den man bis dato mit freakigem Future-Funk-Techno (Super_Collider zusammen mit Cristian Vogel) und einem nicht minder schizophrenen Soloalbum ("Muddlin gear") in Verbindung gebracht hatte, bedeutete "Multiply" schon einen gewaltigen Schritt hin zum Motown-Soul. Die Versprechen, die Lidell damals machte, will er nun mit "Jim" einlösen. Wie es scheint, möchte er diesmal nicht weniger als den Durchbruch zum Popstar schaffen. Dafür hat er die Elektronik und die Soundexperimente komplett über Bord geworfen und zusammen mit seinen Buddies Mocky und Gonzales ein Album produziert, das den puren, rauen Klang der 60er und 70er besitzt – und das randvoll ist mit sonnigen Hits.

Zum Auftakt zwitschern erst einmal die Vögel. Danach verpasst einem der frühlingsfrische Gospel von "Another day" eine Gute-Laune-Infusion, die die gleiche beglückende Wirkung hat wie ein Sieg bringender Drei-Punkte-Wurf in der Schlusssekunde des Endspiels um die NBA-Meisterschaft. In die gleiche Kerbe schlägt "Wait for me", bei dem Gonzales am Piano noch einen Gang zulegt und in die Tasten haut wie der schlappohrige Rowlf aus der Muppet Show. "Little bit of feel good" packt sich das Gitarrenmotiv aus James Browns "Get on the good foot", gibt eine Mundharmonika, dezente Bläsersätze, ein klimperndes Saloon-Piano und ein bisschen Herbie-Hancock-Vocoderstimme hinzu, und backt daraus eine mannshohe Soultorte – mit extra Sahne oben drauf. Und "Figured me out" parkt danach in der längsten denkbaren Stretchlimo mit Disco und P-Funk im Kofferraum vor dem angesagtesten Laden der Stadt.

Dazwischen schwingt sich Lidell noch zu einigen mitreißenden Uptempo-Nummern aufs Rodeopferd. Am nächsten bei sich selbst aber ist er in den ruhigeren Momenten. "Don't you know that / There's really no such thing / As an endless night / So let's make a little magic / Just to put things right", fleht er in der zärtlichen Ballade "All I wanna do". Im Hintergrund säuselt derweil ein Chor engelsgleich seine langsam anschwellenden "Uuhs" und "Aahs". In "Green light" hingegen rührt Lidell zu entspannt rollendem 70s-Funk mit Klackersounds und zurückhaltenden Bläsern ein paar kühle Drinks an und klopft den Franz Kafkas dieser Welt aufmunternd auf die Schulter: "All you have to do is / Just give yourself the green light". Den schönsten Moment hat sich Lidell aber für den triumphalen Schluss aufgehoben. Leise haucht zum melancholischen "Rope of sand" der Wind zum Fenster herein. In Gedanken hört man im Hintergrund eine U-Bahn vorbeirattern, während Lidell bei brütender Hitze in seinem schäbigen Appartement sitzt und ein einsames, aber Trost spendendes "So many things I don't understand / But there's one thing that I know / When everything is a rope of sand / We should learn to let it go" in die Nacht hinaus singt.

Unüberhörbar ist natürlich der selbst im Vergleich zu "Multiply" noch einmal handwerklichere, damit aber auch konventionellere und traditionalistischere Sound von "Jim". Für diesen – wenn man denn unbedingt so will – Mangel an klanglicher Innovation wird man jedoch mit 10 fantastischen Songs entschädigt, die anrühren, ein lässiges Grinsen im Gesicht haben oder beim kraftvollen Dunking gleich den ganzen Korb mit abreißen. Blassnasen können deswegen noch lange kein Basektball spielen. Aber wer will nach "Jim" noch behaupten, weiße Jungs hätten keinen Soul?

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • Another day
  • Little bit of feelgood
  • Green light
  • Rope of sand

Tracklist

  1. Another day
  2. Wait for me
  3. Out of the system
  4. All I wanna do
  5. Little bit of feelgood
  6. Figured me out
  7. Hurricane
  8. Green light
  9. Where d'you go
  10. Rope of sand

Gesamtspielzeit: 38:00 min.

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Castorp
2011-05-14 15:22:21 Uhr
Schöner Mash-Up!
@ smörre
2010-04-12 20:22:11 Uhr
sehr schön! da lohnt doch ein eigener thread, oder?
für die Blödis hier
2010-04-12 19:48:15 Uhr
Jamie Lidell ...wer???????


gääääääähn
für die Blödis hier
2010-04-12 19:48:14 Uhr
Jamie Lidell ...wer???????


gääääääähn
für die Blödis hier
2010-04-12 19:48:13 Uhr
Jamie Lidell ...wer???????


gääääääähn
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