Terry Riley Performed By Kronos Quartet And Wu Man - The cusp of magic

Terry Riley Performed By Kronos Quartet And Wu Man- The cusp of magic

Nonesuch / Warner
VÖ: 07.03.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Der Zahn der Zeit

Schon längst hat sich das Kronos Quartet einen Status erspielt, den man sonst höchstens in der Flohmarkt-Nostalgie manch legendärer Jazz-Combo antrifft. Mit ihrer zum Trademark entwickelten Reduktion der Mittel sind sie zu einem einzigartigen Markenzeichen der Branche geworden. Eine Haltung in neoklassischer Strenge, die ihren verschiedenen Komponisten stets den Absprung ermöglichte. Hierbei immer wieder herausragend: die Arbeiten für Minimal-Music-Heroen wie Phillip Glass und Steve Reich. Oder, wie im Falle von "The cusp of magic", zum wiederholten Mal für Terry Riley.

Eine ebenso beeindruckende Komponistenliste besitzt auch Mitstreiterin Wu Man - kein bauernschlaues Pseudonym im Übrigen, und zum Dunstkreis eines gewissen Clans gehört sie auch nicht. Vielmehr heißt sie wirklich so und würde sich (vogel)frei übersetzt als "schwarzer Barbar" ins Triadenregister eintragen. Was dann ja schon wieder passen würde. Allerdings spielt Wu Man nicht etwa die Beatbox-Keule, sondern die chinesische Pipa. Genau das also, was unter bleichgeschminkten Hochsteckfrisuren stets unförmig in beiden Händen liegt und sich nach typisch fernöstlichem Ploing-Ploing anhört. Zudem intoniert sie auf "The cusp of magic" auf Bitten Rileys chinesische Kinderliedmelodien. Einmal durchatmen, bitte.

Wer nun meint, bereits tausend gute Gründe fürs Weggruseln gelesen zu haben, der irrt sich allerdings gewaltig. Denn bereits das eröffnende Titelstück baut aus tief unterkellerten Paukenschlägen, Wu Mans Pipa-Läufen und zur Klimax in Sechzehntel-Feedbacks aufschlagenden Spannungsbögen einen Monolith, den man am ehesten noch als Prog-Rock bezeichnen möchte. Auch bei "Buddha's bedroom" und "Royal wedding" geht es nicht etwa um avantgardistische Clashs, sondern ums Miteinander. Weitere Höhepunkte bieten "The nursery" und "Emily and Alice": Durchbrochen und unterlegt von klickernden und schnarrenden Spielzeug-Modulationen, zwischen denen sich die tiefen Streicher immer wieder wie ein in der Mutationsphase befindlicher American Teddybear aufbäumen, gerät Wu Mans Sing-Sang hier eher zum direkt in die Albträume gespuckten Bubu fix & fertig als zur leicht verdaulichen Sandmännchen-Kost.

Wenn sich dann zum abschließenden "Prayer circle" die Fronten klären und wohlgelaunte Lobpreisungen gen Olymp getanzt werden, ist hier endgültig alles drin ist, was die Minimal music seit den 60ern auszeichnet. Nur selten aber wird sie mit derart opulenter Melancholie, Spannung und Geschlossenheit inszeniert. Von dösigen Fusionstendenzen zwischen U und E, a bis z, von 0 auf 100 oder Pop goes Klassik kreuzüber Stock und Steif braucht man im Falle von "The cusp of magic" hingegen gar nicht erst zu reden. An dessen zeitlosen Triumphbögen dürfte sich vielmehr selbst Kronos, der alte Kinderfresser, die Mundwerkzeuge ausbeißen. Wenn ihm darauf die Zahnfee nächtens einen mit Tante-Man-Reis geladenen Spielzeugrevolver unters Kopfkissen legt, weiß man, dass sie wohl wieder zu viel Riley gehört hat.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • The cusp of magic
  • Emily and Alice
  • Prayer circle

Tracklist

  1. The cusp of magic
  2. Buddha's bedroom
  3. The nursery
  4. Royal wedding
  5. Emily and Alice
  6. Prayer circle

Gesamtspielzeit: 42:29 min.