The Ruby Suns - Sea lion

The Ruby Suns- Sea lion

Memphis / Cooperative / Universal
VÖ: 22.03.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kinderüberraschung

Der Plattenschrank quillt langsam über. Die übertrieben vielen Einkäufe der letzten Zeit sind kaum noch zu bändigen. Wenn man nach unten blickt, fängt man sie ein, die Abteilung Vergangenheit. Die Tonträger, die schon lange nicht mehr rund liefen, und es wohl auch nicht mehr werden. Wie schön war doch die Zeit. Dieses eine spezielle Album, mit dem man mehr als einmal auf sich allein gestellt war, die Fäuste beim Lauschen gen Himmel streckte, um dann durch das eh schon rustikale Zimmer zu hüpfen. Es sind beileibe keine Jugendsünden, die da hervortreten. Aber mit den Jahren und vielen neuen musikalischen Erfahrungen entsagt man dem allzu Infatilen oder plakativ Zauberhaften und Emotionalen. Was bleibt, sind schöne Erinnerungen, reflektierte Eingeständnisse und die Gewissheit, dass man nun ein anderes Level erreicht hat.

Doch was tun, wenn man auf seinem Weg künstlerischer Rezeption wieder an ein Album gerät, dass allzu offensichtlich mit genau den Dingen spielt, denen man schon energisch hinterhergewunken hatte? Für "Sea lion", das zweite Album der neuseeländischen Ruby Suns, war es an der Zeit, die gewünschte Ernsthaftigkeit an den Nagel zu hängen und sich entsprechend treiben zu lassen. Ein "Stopp!" an das Kritikzentrum, das gerne vorschnell handelt und Tiefsinn viel zu impulsiv als Blödsinn abkanzelt. "Tane Mahuta", in der Sprache der neuseeländischen Ureinwohner Maori gesungen, ist ein perfektes Beispiel für überstürzte Missbilligung. Eine offensive Rhythmustruppe, afrikanischen wie neuseeländischen Ureinflüssen treu geblieben, gibt mit derben Schlägen auf dumpfe und glockenhelle Percussioninstrumente den Startschuss. Sommer, Sonne, Glücksgefühl. Nicht mehr und nicht weniger suggeriert diese strahlende Reizüberflutung mit all ihren Chören, Bläsern, schnell schießenden Saiteninstrumenten aus Spanien und lieblichen Verrücktheiten, die sich unablässig auf schwarze Überreste unreiner Gemütsverfassung stürzen. Ein Gefühl von "zu dicht auf die Pelle gerückt" stellt sich ein, verflüchtigt sich aber zu dem Zeitpunkt, an dem man erkennt, dass die Ruby Suns in den Grundfesten der Musikalität und des kompositatorischen Anspruchs zu keinem Zeitpunkt zu erschüttern sind.

Ihr breites Grinsen, das sie auch im ähnlichen, wenn auch mehr südamerikanisch beeinflussten "Oh, Mojave" aufsetzen, zeigen The Ruby Suns völlig zurecht. Neben dieser Erkenntnis, ist an "Sea lion" vor allem eines nachhaltig beeindruckend: Diese Männer verlassen sich nicht einzig und allein auf ihre glitzendernen Sonnenstrahlen, sondern beherrschen die Kunst der Variation. So wird "There are birds" möglich, das tief unter die Haut geht mit seinem hypnotischen Minimalismus und der Erinnerung an monoton agierende New-Wave-Bands. Schlurfenden, verträumten LoFi-Folk bietet das unendlich langsame und wunderschöne "Remember". Dann "Morning sun", das sich nach anfänglicher Orientierungslosigkeit in eine ebenso überraschende wie gelungene Depeche-Mode-Referenz verwandelt. "Ole Rinka" geht auf wie eine Blume und verblüht ebenso schnell. Zusammengehalten wird diese breite Palette von spinnerten Fieldrecordings, melodischem Überschwang und einem fast überambitionierten, experimentellen Rhythmusgefühl. "Sea lion" ist ein kleines Juwel. Ein Bindeglied zwischen kindlicher Begeisterung und erwachsenem Songwriting. Voller Zauber und wahren Emotionen.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Tane Mahuta
  • There are birds
  • Ole Rinka

Tracklist

  1. Blue penguin
  2. Oh, Mojave
  3. Tane Mahuta
  4. There are birds
  5. It's Mwengi in front of me
  6. Remember
  7. Ole Rinka
  8. Adventure tour
  9. Kenya dig it?
  10. Morning sun

Gesamtspielzeit: 42:04 min.

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  • The Ruby Suns (21 Beiträge / Letzter am 16.06.2010 - 23:15 Uhr)

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