Kettcar - Sylt

Kettcar- Sylt

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 18.04.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kinder des Zorns

Nach der Sehnsucht kommt die Wut. Kettcar haben sich erforscht, im Du und Ich die Narben befühlt, den eigenen Status im Jetzt und Hier geklärt und nebenbei trotzdem bewiesen, wozu ein paar nicht mehr ganz frische Männer mit dem Herzen am rechten Fleck im Stande sind. Doch so heilsam und sinnvoll die Introspektion von "Du und wieviel von deinen Freunden" und die tragische Romantik des Nachfolgers "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen", so notwendig all die Blicke auf gegenüberliegende Balkone und umgebende Mikrokosmen waren, so richtig die im Taxi vergossenen Tränen und verpassten Ausfahrten gewesen sein mögen: Irgendwann kehrt jeder aus der inneren Immigration zurück, sieht sich um und beginnt, die Dinge in größeren Zusammenhängen zu sehen und das eigene Erleben neu zu verorten. Für Kettcar brechen die "Deiche" jetzt auf "Sylt".

Die dem Untergang geweihte Schampus- und Kaviar-Gesellschaft auf der Nordseeinsel repräsentiert als Rahmen des Albums eine Realität, in der der Einzelne zwischen Leistungsdruck und Hedonismus das Gefühl für echtes Miteinander verloren hat, wo es nur Gewinner und Opfer gibt und der Kontostand Glück ausweisen soll. Es ist ein düsteres Bild voller Angst und Unsicherheit, voller Ziele ohne Grund, das Kettcar mit "Sylt" zeichnen und aus dem sie selbst genauso wenig ausbrechen können wie jeder andere. Doch stets haben sie den Finger in der Wunde, klagen an, zeigen Unmenschliches und allzu Menschliches auf, stellen Fragen, ohne die Antworten mitzuliefern. Stattdessen positionieren sie sich zornig mitten in unserer Welt und bleiben aufrecht, wo sich andere krumm machen.

Der Blick auf die mitleidlose Gegenwart spiegelt sich im rauer gewordenen Sound: Die erste Single "Graceland" reibt sich unangenehm und so gar nicht (wie zuletzt) heimelig am Trommelfell, der Elvis-Mythos zerbricht stellvertretend für Millionen Träume: "Und ich weiß, weiß, weiß / Der King ist der König / Doch die tote Idee ist am Ende zu wenig." Klingt das sinnlose Streben im "Nullsummenspiel" noch beschwingt, wird schon mit "Am Tisch" (mit Niels Frevert) die ganze Bitterkeit eines Lebens offen gelegt, das zwei trennt, die sich kannten, und ihnen nur die ohnmächtige Erkenntnis lässt. Zwischendrin jagen einem immer wieder die magischen Momente heißkalte Schauer über den Rücken - wie in "Kein Außen mehr", wenn das Gitarrenfeedback mit Macht den ersten Refrain beiseite schiebt, als wollte es die neue Wertfreiheit im Text nicht akzeptieren.

Es geht immer um ganz viel auf "Sylt". Um die Würde, die dem Gescheiterten im gleichnamigen Titel genommen wird und die sich der gebrochene Liebende in "Wir müssen das nicht tun" krampfhaft zu erhalten versucht. Um Ausbeutung und Mitleidlosigkeit, wie in "Geringfügig, befristet, raus" oder "Fake for real", wo Marcus Wiebusch zum dunklen, sich elektronisch dahinschleppenden Beat die Wirtschaft anprangert: "Für die einen sind es Menschen mit Augen und Ohren / Für die anderen Kostenfaktoren." Am Ende wird der Sänger im Gitarren-Outro mit Demotape-Charme ganz klein und lässt den Hörer mit der Hilflosigkeit und dem Ausgeliefertsein zurück. Auch das Intime steht auf "Sylt" im großen Zusammenhang, "Verraten" spricht vom erschütterten Zurückkehren und meint doch eigentlich das vorangegangene Weggehen müssen. Hochpolitisch, unmissverständlich - so klare und harte Worte war man von der Band bisher ebenso wenig gewohnt wie die teilweise kantigen Sounds und Songstrukturen voller Widerhaken.

Schlussendlich kulminiert in "Wir werden nie enttäuscht werden" ein letztes Mal, was "Sylt" ausmacht: Die Wut und Spannung, in die sich die Platte gesungen und gespielt hat, entladen sich in beinahe derbem ...But-Alive-Punk. Der trotzige Titel widersteht grimmig, wo Tocotronic das selbe Leben durch ihre "Kapitulation" ins Leere laufen ließen, und Wiebusch spuckt noch einmal einige seiner messerscharf gedachten, zitierpflichtigen Zeilen aus, die so viel Weisheit und Herzblut ausschütten, dass der Hörer darin ertrinken kann. Ein Schlusspunkt, der die Resignation niederboxt, kraftvoll aufstampft und das eigene Leben ohne Abstriche einfordert. "Sylt" ist ein unversöhnliches Album geworden, eine böse und realistische Bestandsaufnahme der Welt aus dem Blickwinkel der Gerechten. Entfremdung, Lügen, Leistungsdruck - all das lässt sich schließlich schwer verklären. Die Eskapisten unter den Fans wird das verstören, die Harten werden mit den Schultern zucken. Alle anderen werden nicken. Und weitermachen. Sehnsüchtig, voller Wut.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Am Tisch
  • Kein Außen mehr
  • Fake for real
  • Würde
  • Wir werden nie enttäuscht werden

Tracklist

  1. Graceland
  2. Nullsummenspiel
  3. Am Tisch
  4. Kein Außen mehr
  5. Wir müssen das nicht tun
  6. Fake for real
  7. Geringfügig, befristet, raus
  8. Agnostik für Anfänger
  9. Verraten
  10. Dunkel
  11. Würde
  12. Wir werden nie enttäuscht werden

Gesamtspielzeit: 43:47 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Zustimmer
2016-05-20 01:22:01 Uhr
Jap, beste Platte.
Normaler Move
2016-05-19 19:46:26 Uhr
Großartige Platte und meiner Meinung nach auch ihre beste. Gesagt. Die Rezi ist aber auch toll geschrieben. Kompliment.
Kai
2010-01-13 19:34:05 Uhr
@B@n@n@ Co.™

Keinesfalls, für mich ist „Sylt“ auch die beste der drei (vier) Kettcar-Platten!
Pumuckls Bruder
2010-01-09 20:12:25 Uhr
*push
pattern
2009-04-30 13:49:43 Uhr
@rollo:
Wenn man eine Sache kritisiert, dann sollte man schon halbwegs wissen worum es bei der Sache geht (und das merkt ja wohl der Dümmste das das Gedanken sind und keine ausgsprochenen Sätze). Und aufgrund deines vorigen Eintrages würde mich mal interessieren was du denkst was die "Botschaft" ist. Ich kann in dem Song keine "Botschaft" erkennen. Aber eine Sache ist schon richtig: Wiebusch hat klar seinen Zenit überschritten. Seine beste Phase war meines Erachtens die letzte But Alive und die erste Kettcar. Alles was folgte war so naja und die ersten But Alive sind zum Teil unerträglich.
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