Duffy - Rockferry

Duffy- Rockferry

Polydor / Universal
VÖ: 28.03.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vor der Sturmfrisur

Der Wille war da, und das Gefühl blieb nicht auf der Strecke. Angesichts der pragmatisch registrierten Sachlage drüben in Großbritannien war es fast schon ein kleines Wunder. Denn dort, in diesem mit dem Amy-Winehouse-Effekt gestraften Land, sprießen sie wie fies gezüchtete Keime aus dem Boden. Überall sind sie inzwischen zu hören: Neu komprimierte Diana Ross', werksfrische Marvelettes und Clara Thomas' - und, um nicht ganz weit in die Vergangenheit reisen und nicht ganz so groß aufzutragen zu müssen, Norah-Jones-Epigonen mit quakendem, jaulenden Stimmungsorganen. Stax und Motown light, sozusagen. Nicht mal im Windschatten der alten Innovatoren.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man mitten im emotionalen Winter steht. Dann, wenn sich Stimmen, die zwar atemberaubend klingen, aber total egalen Schnepfen gehören, erheben, um letztlich den Applausometer der nächstbesten Fernsehshow in die Höhe zu treiben. Adele hat es mit ihrem nervigen Debüt "19" vorgemacht. Doch im Falle der Waliserin Duffy ist es eine äußerst angenehme Erfahrung, nicht auf die Fresse zu fallen und dem neuesten Hype auf den Leim zu gehen. Sich in seinen Vorurteilen und seinem Kulturpessimismus bestätigt zu sehen, ist nämlich auf Dauer eine langweilige, der Selbstüberschätzung übermäßig zuträgliche Sache.

Die ersten, hart angeschlagenen Pianoklänge des Titelsongs "Rockferry" beenden alle möglichen Spekulationen über das, was im Musikzirkus offensichtlich Alltag ist. Hier geht keine Frau zu Werke, die sich im gleißenden Licht urbaner Verführungen suhlt und mit den offengelegten, vormals verborgenen Leidenschaften leichtsinnig um sich schmeißt. "Rockferry" ist ihr eigen Fleisch und Blut, ihr durchwühltes Innerstes. Auf der Suche nach sich selbst. Der Verzicht auf plakative Stärke, um sie dann doch Stück für Stück und wahrhaftig wiederzugewinnen. "I'll give it all my strength and my mind / I'll make this decision with or without." Stärke, die Dämme brechen lässt: Wenn der Blues der coolen elektrischen Gitarre versiegt, die Noten der besänftigend agierenden Violinen-Brigade sich in Luft auflösen, Duffy allein an der Spitze steht und ihren letzen Atem aushaucht. Eine gigantische Momentaufnahme. Eine meisterhafte Single.

In zeitgleicher Ekstase, Aussichtslosigkeit und Verzweiflung und ihren wunderbar ausgeführten, großen Gesten erinnert sie weniger an die angebliche Verwandte Amy Winehouse, die zwar in der Stimmlage ähnliche Frequenzen anstrebt. Es sind eher die Popgrößen der Sechziger wie Petula Clark, Lulu oder Dusty Spingfield, in deren Tradition sie sich mit "Rockferry" singt. Allein ihre Stimme, mal sexy, mal leidenschaftlich, schlägt die Brücke zum schwarzen Soul der großen Motown-Vorbilder. Das vom früheren Suede-Gitarissten Bernhard Butler geleitete Bandkonstrukt sucht dabei die direkte Konfrontation zwischen satten Orchesterarrangements, einem subtilen Merseybeat und klassischem R'n'B. Ein gelungenes Zwischenspiel einer großen Stütze, das vor allem im reduzierten "Syrup & honey" und der allzu offensichtlichen "I heard it through the grapevine"-Hommage "Hanging on too long" eindringlich zu spüren ist.

Man muss es den auf den letzten Metern zu vielen Fingern in Sachen Produktion zu Schulden kommen lassen, dass Duffy nicht schon jetzt auf Erden in den Pophimmel einziehen und sich gleich mit dem ersten Album zur Ruhe setzen kann. "Delayed devotion" ist neben einem wundervollen, für sich selbst stehenden Klavierakkord und Mädchenmoment zu handzahm. Die süßlichen Eingeständnisse von "I'm scared" verblüffen, angesichts des Emotionsgewalt von "Rockferry". "Distant dreamer" schießt schlußendlich zu gewollt und überkandidelt die Lichter aus. Minimale Absacker, die die Uhren zurück drehen lassen. Zurück zum Überschwang. Hin zur Leidenschaft. Und weg von nöhlenden Schnepfen und Applausometern.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Rockferry
  • Stepping stone
  • Syrup & honey
  • Mercy

Tracklist

  1. Rockferry
  2. Warwick Avenue
  3. Serious
  4. Stepping stone
  5. Syrup & honey
  6. Hanging on too long
  7. Mercy
  8. Delayed devotion
  9. I'm scared
  10. Distant dreamer

Gesamtspielzeit: 37:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Leatherface
2008-11-20 12:34:07 Uhr
Rain on your parade ist leider nicht Vorbote eines neuen Albums, sondern wird auf einer Rockferry-Special Edition erscheinen, die folgende Bonustracks enthält:
1. Rain On Your Parade
2. Fool For You
3. Stop
4. Oh Boy
5. Please Stay
6. Breaking My Own Heart
7. Enough Love
Dan
2008-11-10 21:47:26 Uhr

"Rain On Your Parade" ist echt geil
Leatherface
2008-11-07 20:25:54 Uhr
Starke, neue Non-Album-Single
Alesi
2008-05-06 12:14:49 Uhr
Unschuldig und die Sonne geniesend fuhr ich heute vormittag gemütlich Radio lauschend durch die City

und dann kam Duffy

und das Adrenalin

und mein Pedal exzellerierte

und dann der Blitz

das waren mindestens 30 km/h zu schnell, aber gail wars.

Mercy
dfg
2008-05-04 22:05:10 Uhr
Rockferry ist doch auch toll oder net?

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