Bernd Begemann & Die Befreiung - Glanz

Bernd Begemann & Die Befreiung- Glanz

Begafon / Indigo
VÖ: 07.03.2008

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Rasenmäher-Blues

Behaupten kann man vom rastlosen Bernd Begemann nun wirklich, was man will. Dass der Mann aber nicht aus Fehlern lernen würde, lässt sich nun wahrlich nicht postulieren. Darum ist "Glanz" auch ein ganz besonderer Coup, denn anstatt ein gewöhnliches Album herauszubringen, ist die neue Veröffentlichung des (Möchtergern-)Hamburgers auch gleichzeitig Best-Of. Zum einen bekommt der Hörer zwanzig neue Aufnahmen um die Ohren geträllert und darf sich gleichzeitig an den Hits der begemannschen Schaffenskraft gütlich tun. Irgendwie. Denn wenn "Glanz" eines nicht ist, dann die Neuerfindung des in Hamburg lebenden Ostwestfalen. So verwundert es auch nicht weiter, dass manche der Neueinspielungen eher wie die klebrigen Scherben von zerbrochenen Einmachgläsern auf Mülldeponien in der Sonne glänzen, anstatt wie rare Edelsteine über den duftenden Dekolletes schöner Frauen zu funkeln. Klar, andersherum wäre es ihm lieber gewesen, aber wie heißt es doch so schön: "Die Dinge, die wir sehen und die Dinge, die wir wollen, sind zwei Paar Schuhe."

Da ist zum Beispiel "Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover". Abgesehen davon, dass niemand nach Hannover will, braucht man schon viel Ruhe und Gelassenheit, um nachzuvollziehen, womit sich diese x-te Uptempo-Nummer als Opener qualifiziert hat. Begemann hört sich mittlerweile so an, als hätte er in letzter Zeit zu viel Roger Cicero gehört. Nicht anders bei "Judith, mach deinen Abschluss": Wo die Ärzte mit "Junge" Humor zeigten und dem ewig aufrechten Zeigefinger mal einen dreifachen Frontalbruch verpassten, gelingt Begemann dies nicht ansatzweise. "Ein anderes Mädchen hätte eine Chance / Aber nicht für dich / Geh zur Prüfung, bereite dich vor, schieß bloß kein Eigentor." Und jetzt kommt die Pointe: Es gibt keine. Begemann meint das ernst. Willkommen im Hamburger Patriziat zwischen Opernbesuch und Käseplatte.

Und dann gibt es ja noch "Deutsche Hymne ohne Refrain". Den Originaltext singt der gute Bernd zwar nicht, zeigt aber ganz ganz viel Verständnis für das Gefühl zwischen Fernweh und Heimweh, für den Appetit nach Weißwurst mit Wasabi. Fast wie die deutschen Romantiker schwingt er sich auf den wehenden Böen des Nordwinds Richtung intellektuellem Wallhalla empor und zwinkert Gott, Eva Hermann und der Welt lausbübisch ins Gesicht: "Ich will dieses Land verstehen!"

Dort, wo sich das Verständnis für derlei Totgeburten verflüchtigt, bleibt zumeist nur noch eine untergärige Maische übrig, die in etwa so genießbar ist wie "Glanz" von Bernd Begemann & Die Befreiung. Da muss beinahe nicht mehr weiter erwähnt werden, dass diese runderneuerten und trotzdem als "historisch" bezeichneten Schätzchen aus den letzten zwanzig Jahren ihren aufmunternden Zweck eigentlich immer noch erfüllen. Denn dieses tröstliche Gefühl hat man gerade bitter nötig.

(Konstantin Kasakov)

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Highlights

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Tracklist

  1. Gefangen in einem Samstagnachmittag
  2. Eigentlich wollte ich nie nach Hannover
  3. Was macht Miss Juni im Dezember
  4. Ich kann dich nicht kriegen, Katrin
  5. Unten am Hafen
  6. Bist du dabei?!
  7. Judith, mach deinen Abschluss
  8. Fernsehen mit deiner Schwester
  9. Deutsche Hymne ohne Refrain
  10. Der brennende Junge
  11. Christiane, das Mädchen vom C.V.J.M.
  12. Ego Shooter
  13. Gut im Bett (nirgendwo sonst)
  14. Wir werden uns umsehen
  15. Ich habe mich rasiert
  16. Selten
  17. Was weiss Yvonne
  18. Romantischer Narr
  19. Bleib zuhause im Sommer
  20. Schluss mit dem Quatsch (Jetzt wird Geld verdient)

Gesamtspielzeit: 78:10 min.

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