Emil Bulls - Angel delivery service

Emil Bulls- Angel delivery service

Island / Mercury / Universal
VÖ: 05.06.2001

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Besessen auf Rädern

Abstrusen Legenden zufolge gilt das Bringdienst-Gewerbe als eines der ältesten der Welt. Bereits diverse Urmenschen der fauleren Art ließen sich einst ihre Fressalien von Jägern und Sammlern frei Höhle liefern, als sich das Berufsbild die Bezeichnung "Essen auf Rädern" mangels Rad erst noch verdienen mußte. Seitdem ist das Angebot beständig gestiegen und könnte nun reichhaltiger kaum sein: Neben vertrocknetem Fleurop-Grünzeugs und ähnlichem Krimskrams gibt es inzwischen alle nur denkbaren Gerichte von Ananaspastete bis Zucchiniragout frei Haus. Das Prinzip ist denkbar einfach. Kunde greift zum Telefon, und nur wenige Minuten später klingelt ein Fielmann-bebrillter BWL-Student mit Hasenzähnen und Baseball-Käppi an der Haustür und händigt einem das Bestellte gegen Bares aus. Nichts ist unmöglich, alles ist lauwarm. Nun also schickt sich eine Horde von Münchnern an, die Branche mit einer Innovation der etwas anderen Art aufzumischen: Engel frei Haus. Wohl bekomm's!

Natürlich ist der Albumtitel "Angel delivery service" schlichtweg Mumpitz und schreit nicht wirklich nach einer Interpretation, doch immerhin verhindert er, daß sich Menschen wie ich über den weitaus bescheuerteren Bandnamen lustig machen oder gar die fast gar nicht abgedroschene Zote vom Rinderwahnsinn auftischen. Doch obwohl auch ein Song ("Hi it's me, Christ") mit Religiösität kokettiert und drei der sechs Bandmitglieder im Kirchenchor oder einer Klosterschule aktiv waren, bleibt die Harfe im Schrank. Stattdessen werden die Rastas geschüttelt, der Mikrofonständer angeschnaubt und das Gitarrenbrett wieder mal mächtig durchgenagelt. New Metal, die 5892ste. Auf sie mit Gebrüll!

Wer jetzt an nationale Hampelmänner der Kategorie 4lyn denkt, sollte die unterste Schublade zustoßen, den Strafknüppel wegpacken und sich von "Angel delivery service" die Vorurteile aus den Ohren blasen lassen. Denn Emil Bulls spielen sich unter diesem Namen bereits seit sechs Jahren unermüdlich die Finger wund und konnten sich dank zweier Indie-Releases im Münchner Raum bereits eine beachtliche Fanbasis schaffen. Im Zuge des Trends war der Major-Plattenvertrag nur noch eine Frage der Zeit, und doch ist er im Falle der Emil Bulls eher verdiente Belohnung denn unvermeidbares Übel.

Auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn kommen Emil Bulls zwar oft genug durch peinliche Texte ("Smells like Rock'n'Roll", "Chickeria") ins Straucheln oder schießen wie bei "Mirror (Me)" im Arrangement übers Ziel hinaus, bewahren die Balance aber durch tiefgängiges Songwriting. Daß die Kooperation mit Such A Surge, "Tomorrow I'll be back home", zu den schwächeren Tracks zählt, spricht eine deutliche Sprache: Emil Bulls ziehen ihr eigenes Ding durch, ganz gleich, ob sich andernorts uninspirierte Stümper nach Kräften bemühen, den dreigestreiften Trainingsanzug in den Dreck zu zerren. "Leaving you with this" wird als zweite Single die Indie-Clubs der Republik im Sturm erobern und Emil Bulls zweifellos bald als nationale Größe etabliert sein. Wer möchte, daß statt der Galle in Zukunft lieber das pochende Herz kocht, sollte beim nächsten Mal statt lauwarmer Pizza lieber den wohltemperierten Emil Bulls-Tonträger beim Bringdienst seines Vertrauens ordern.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Angel delivery
  • Smells like Rock\'n\'Roll
  • Leaving you with this

Tracklist

  1. Angel delivery
  2. Style school
  3. Smells like Rock'n'Roll
  4. Leaving you with this
  5. Water (A snapshot)
  6. Chickeria
  7. Mirror (Me)
  8. Hi it's me, Christ
  9. Monogamy
  10. Resurrected
  11. Tomorrow I'll be back home
  12. Wheels of steel
  13. Quiet night

Gesamtspielzeit: 54:48 min.

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