Delbo - Grande finesse

Delbo- Grande finesse

Loob / Universal
VÖ: 25.01.2008

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zwischen den Seiten

Zu parolenarm für die Festival-Schlammschlacht, zu altruistisch für die Schlaumeier-Partys im Studentenwohnheim: Delbo legten bereits viele Fährten aus, dennoch verbot es sich bereits bei "Havarien", ihnen den nationalen Indie-Rettungsring umzuschnallen. Auch auf "Grande finesse" scheint es nach wie vor unmöglich, ihnen wirklich auf die Schliche zu kommen. Als Personal Trainer für das Hüftgold von anderen bleiben sie zu sehr mit sich selbst versponnen, ziehen ihr Korsett zugleich aber mit den knotigen Ganzkörperschlaufen aus Slowcore, Math- und Indierock in Form. All ihre musikalischen Koordinaten sind im Grunde glasklar, erscheinen hierzulande jedoch zumindest rätselhaft, beinahe wie Fremdkörper. Delbos "Deutschpop" ist deshalb stets ebenso Dorn im Auge wie Unschuldslamm.

Das beginnt bei den Texten Daniel Spindlers, die auch auf "Grande finesse" Worte, Silben und Betonungen wie Flimmerhärchen durch die Luft streichen lassen. Sie entwickeln ein Gefühl für die Umgebung, schätzen Entfernungen, vermeiden, suchen und halten Kontakt. Doch sie er- oder verklären nichts, teilen sich stets weniger mit als vielmehr mittendurch. So erfährt man gleich im herausragenden "Apricot" zwischen bündigen Klavierauftakten, einem unruhigen Geist als Zwischenpart und einer in sich ruhenden Refrain-Miniatur, dass sich Versprechen bei Delbo nicht sogleich erfüllen müssen. Aber sie formulieren stets unendlich klar, mit ebenso starkem Willen wie Misstrauen. "Da wechseln die Worte zwischen uns her / Und wie das Wort wächst die Unschuld nicht an sich selbst in ihren Grenzen" - hier artikuliert sich kein Rückzugsgebiet, auf dem sich bauen ließe. Doch eine klare Sicht auf das verhandelte Problem.

Auch die Art und Weise, wie "Grande finesse" ein wahrlich erstaunliches Arsenal an klassischem Instrumentarium ebenso zur Dramatisierung wie Verdrehung seiner Songstrukturen nutzt, ist Sinnbild einer inneren Unruhe, die sich voll und ganz auf sich selbst verlässt, aber niemals zufrieden gibt. Da wird ein lichtes Emo-Riff schon mal in der Betonung ultrakurz angebunden, zugleich aber von allen Seiten mit handgestrichenen und mundgeblasenen Überschwängen beschossen. Parallel drängt sich immer etwas Beharrendes unter den Melodiebögen hindurch und versperrt ihnen den Weg zum ungehinderten Aufgehen. In jeder Note kann so Verweigerung für einen Vertrauensbeweis stehen, vergebene Mühe für die zweite Chance oder eine erfreuliche Aussprache für den erwartet schweren Abschied. Delbo beleuchten und musizieren multidimensional. Sie schauen sich alle Seiten genau an. Und wollen niemandem Unrecht tun.

So drücken "Hermelin" und "Belvedere" mit düsteren Riffs zwar von weiter unten, sind letztlich aber doch Zwitter aus Konsequenz und Verlorenheit. Sie laufen aus vielen kleinen Kontern erst zusammen, indem etwa ein Akkord über seine Bestimmung hinaus bis in den nächsten Takt gehalten wird, um ihm Vertrauen zu schenken, und zwar gegen die Welt, wider die Vernunft oder die herrische Autorität des Songaufbaus. Auch "In Zierden" geht zum Schluss noch einmal theatralisch nach oben, spinnt sich aus Basssynkopen und halbverzerrten Gitarren mit Flötenspiel zu einem Gewebe zusammen, das sich langsam im Fadeout wieder entrollt, bis es seine eigene Beständigkeit nicht mehr versteht. Es sind genau diese Gesten, die Delbos Musik lebenswert machen. Trotz ihrer Friedfertigkeit kämpft sie unablässig nach innen wie nach außen. Sie rüttelt auf, weil sie selbst beständig vibriert. Die eine Seite ist Experiment. Die andere Orientierungslosigkeit. Voller Leben halt.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Apricot
  • Hermelin
  • In Zierden

Tracklist

  1. Piamo
  2. Apricot
  3. Moto
  4. Hermelin
  5. Yeti
  6. Belvedere
  7. In Zierden
  8. Souvenir
  9. Polo

Gesamtspielzeit: 43:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Boston
2012-07-14 19:59:40 Uhr
Scheiße. Gute Band.
Du fragst mich nach Farben und ich antworte in Zahlen.
Eierfurz
2012-07-14 13:10:13 Uhr
Delbo ist doch früherer Tatort-Kommissar.

qwertz
2012-07-13 22:14:28 Uhr
Drummer gestorben - Band aufgelöst :(

http://www.delbomat.de/
Hanno
2012-03-24 17:53:01 Uhr
Tolles Album!
Armin
2008-02-26 19:43:31 Uhr
DELBO

16.03.08 - DE - Stuttgart, Neue Helden Festival @ Merlin

02.04.08 - DE - Jena, Rosenkeller
03.04.08 - DK - Vanlose, Kulturhus
04.04.08 - DE - Wiesbaden, Kulturpalast
05.04.08 - DE - Leipzig, Pan Am
06.04.08 - DE - Berlin, Bassy
07.04.08 - DE - Bielfeld, Falkendom
08.04.08 - DE - Braunschweig, Nexus
09.04.08 - DE - Erfurt, Engelsburg
10.04.08 - DE - Magdeburg, Projekt7
11.04.08 - DE - Rostock, MAU
12.04.08 - DE - Dresden, Scheune
14.04.08 - DE - Köln, Kulturbunker
15.04.08 - DE - Siegen, Vortex
16.04.08 - DE - Frankfurt M., ELFER
17.04.08 - LU - tbc.
18.04.08 - DE - Stuttgart, Kellerklub
19.04.08 - AT - Graz, SUB
20.04.08 - AT - Wien, Fluc_Wanne
21.04.08 - DE - München, Sunny
22.04.08 - DE - Hamburg, Docks w/Kettcar

www.delbomat.de
www.loobmusik.de
www.daskombinat-booking.de

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