Lightspeed Champion - Falling off the lavender bridge

Lightspeed Champion- Falling off the lavender bridge

Domino / Indigo
VÖ: 25.01.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

The whitest boy alive

Von Anfang an war klar, dass die Londoner Band Test Icicles entweder alles oder nichts erreichen würde. Erstens Weltherrschaft oder zweitens Selbstzerstörung. Das waren die Optionen, und obwohl ihr Debütalbum "For screening purposes only" dem "England brennt"-Gejodel auf seinem 2005er-Höhepunkt mit rabiatem Eigensinn ins Gesicht spuckte, sollte es letztlich nicht sein. Die Platte war kaum draußen, da galt gleiches auch schon für die Band. Dev Hynes, der angetreten war, um die Lebenserwartung seiner Stimmbänder bei jeder gebotenen Gelegenheit um einige Tage zu verkürzen, packte deshalb die Wanderklampfe ein und setzte sich zum Wundenlecken nach Omaha ab. Wer einem dort so auf der Straße begegnet, liegt natürlich auf der Hand. Die Komplettumkremplung, die Hynes durchlebt hat, muss aber trotzdem zu den unwahrscheinlichsten und radikalsten des 21. Musikjahrhunderts gezählt werden.

Es geht dabei gar nicht um die Honigbach- und Farbenpracht-Ästhetik inklusive Schmusekätzchen, mit der sich Hynes in Fotoshootings und Videos neuerdings umgibt. Was man niemals für möglich gehalten hätte, ist, dass aus diesem Hipster mit Hosenträgern mal ein Folker (mit Hosenträgern) werden könnte, dem das Ganze dann auch noch ein ernstes Anliegen ist. Ironie und Holzhammer beschränkt der als Lightspeed Champion wiedergeborene auf seinen haarsträubenden Look - was er mit "Falling off the lavender bridge" will, ist die pure, unbedingte, verkitschte Schönheit, gegossen in dickflüssige Country-Songs und heraus gebrochen aus den höchsten Kandiszucker-Gebirgen des Kammerpop. Hynes prügelt einem den Wohlklang regelrecht rein, ganz sanft. Und die eigene Vergangenheit kann sich so offensichtlich ins Knie ficken, dass es fast schon wieder als Katharsis durchgeht.

Zumal er, und da wird es interessant für sein Soloalbum, textlich weiterhin nichts zu verschenken hat. Hynes, wegen Magengeschwüren ein eher moderater Trinker, hadert mit der Vernunft, dem Gin und den Frauen, die den Fusel runterkippen wie Wasser. Er gedenkt seinem zweiten Mal, weil das erste zu traumatisch war, und will sich die Haut vom Skelett reißen wegen all der Beschimpfungen, die er sich nach eigenem Bekunden vor allem von anderen Schwarzen anhören muss. Geschönt wird dabei nichts, geflucht aber wie bei den Kesselflickern - obwohl Hynes nicht mal in den bösesten Momenten von "Falling off the lavender bridge" auf die Idee käme, die Unschuldsmiene seiner Sirupstimme abzulegen. Auf dieser Platte ist er Bambi, nur halt mit einem kleinen Messer zwischen den Zähnen.

Es passt ja so auch viel besser zur Musik, die Hynes geschrieben und gemeinsam mit Saddle-Creek-Hausproduzent Mike Mogis sowie Leuten von Bright Eyes, Cursive, The Faint und Tilly And The Wall aufgenommen hat. Die erste, vorbildlich bittersüße Single "Galaxy of the lost" hat einen Rahmen aus Wattetupfern. "Devil tricks for a bitch" lässt irgendwann die Gitarre fallen, um sich an das Orchester in Hynes' sicherlich karierter Plüschwestentasche zu übergeben. Und "Midnight surprise" ist das Herzstück des Albums, in jeder erdenklichen Hinsicht. Eine Zehn-Minuten-Suite, aufgeteilt in drei Sätze, die selbst nach einem ekstatischen Feuerlöscher-Gitarrensolo noch Luft hat, um sich auf ein paar positiven Noten zu verabschieden. "I'll fire in the sun / I'm dying just for fun" - es stirbt sich vermutlich leichter, wenn man schon eine Wiedergeburt hinter sich hat.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Galaxy of the lost
  • Midnight surprise
  • Devil tricks for a bitch
  • No surprise (For Wendela) / Midnight surprise

Tracklist

  1. Number one
  2. Galaxy of the lost
  3. Tell me what it's worth
  4. All to shit
  5. Midnight surprise
  6. Devil tricks for a bitch
  7. I could have done this myself
  8. Salty water
  9. Dry lips
  10. Everyone I know is listening to crunk
  11. Let the bitches die
  12. No surprise (For Wendela) / Midnight surprise

Gesamtspielzeit: 43:00 min.

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